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: Väter verbrennen

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          Die Antike sieht in jedem Jahrzehnt ein wenig anders aus. Das Bild der antiken Philosophie und Kultur verschiebt sich, meist langsam, manchmal ruckweise. Die älteste Vorstellung des antiken Denkens, die heute in kulturellen Rückzugsgebieten noch nachwirkt, rühmt ihm nach, es habe die moderne Naturwissenschaft ermöglicht; die ältesten griechischen Philosophen heißen daher "die jonischen Naturphilosophen". So steht es in veralteten Lehrbüchern. Dieses Bild war nicht völlig falsch, denn tatsächlich kannten diese Denker nicht die nach-kantische Trennung von Philosophie und Naturwissen. Sie waren auch Astronomen und Biologen; sie trieben Geographie und studierten Verfassungen.

          Dieses Bild wurde überlagert zunächst durch Nietzsches grandioses Gemälde vom tragischen Zeitalter der Griechen. Jetzt standen die vorsokratischen Denker als einsame Heroen in düsterer Weltnacht; erst Sokrates habe den Vernunft-Aberglauben aufgebracht, mit Denken ließe sich das menschliche Leben verbessern. Sokrates als Zäsur - Heideggerianer sprachen von ihm als dem Beginn der Seinsvergessenheit. Sie hatten kaum begonnen, das akademische Bild der antiken Philosophie zu bestimmen, da warf der große Philologe Werner Jaeger die These in den Ring, die frühen griechischen Denker seien nicht "Naturphilosophen", sondern philosophische Theologen gewesen. Dieser Entwurf hatte einen Vorzug: Er schlug die Verbindung von Parmenides über Platon zu Plotin und zum christlichen Neuplatonismus. Demnach hatte das vorsokratische Denken eine europäische Zukunft, die sich zu Hegel und Schelling hinzog; Sokrates/Platon bedeuteten nicht mehr den verderblichen Bruch. Die Vorsokratiker behielten ihre paradigmatische Rolle, aber sie waren nicht mehr tragisch umwölkte Grübler, sondern Seelen, von denen ein Kirchendenker sagte, sie seien von Natur aus christlich.

          All diesen Auffassungen stellt nun Reimar Müller ein anderes Gesamtbild des antiken Denkens gegenüber: Von Homer bis Seneca sieht er die antiken Denker als Anthropologen und Entdecker der Kultur. Reimar Müller, ebenfalls ein guter Philologe, zeigt an einer kontinuierlichen Kette antiker Texte, wie die Menschen allmählich begreifen lernten, daß sie durch Denken und Dichten, durch Handwerk ("Künste") und Politik aus der Allmutter Natur heraustreten. Wie kamen die Menschen dazu, zu erfassen, daß ihre "Natur" nicht festgelegt war, daß sie Kultur als "zweite Natur" sich zulegen konnten? Fernhandel und Entdeckungsreisen zeigten an den Rändern der antiken Zivilisation ältere geschichtliche Entwicklungsstufen; Philosophen und Dichter entwarfen Zeitalterlehren, geordnet nach Gold, Silber und Blei, die es erlaubten, die Verschiedenheit kultureller Lebensformen wahrzunehmen, ohne sie nur der primitiven Zweiteilung von "Barbaren" und "Hellenen" zu unterwerfen. Die Macht der Zeit und die menschliche Bedeutung von technischem, politischem und kulturellem Fortschritt wurden damit zum Thema.

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