https://www.faz.net/-gr3-6kzyt

Uwe Wesel: Geschichte des Rechts in Europa : Der lange Marsch der Gerechtigkeitsidee

  • -Aktualisiert am

Bild:

Uwe Wesels Geschichte des Rechts in Europa reicht von den Griechen bis zum Fall „Emmely“ und zeigt den Autor als Geschichtenerzähler mit sozialem Anliegen, der die Religion entdeckt hat.

          Ob der Verlag sich und dem Autor mit dieser Aufmachung einen Gefallen getan hat? Auf dem Schutzumschlag von Uwe Wesels Buch blickt Anselm Feuerbachs Iphigenie kontemplativ in die Ferne. Das Gemälde in Blau, Rot und Weiß gibt dem stattlichen Band jene elegant-kulturgeschichtliche Note, die es als ideales Geschenkbuch für und unter Juristen ausweist. Aber schon 1997 veröffentlichte der Verlag eine nicht minder opulente "Geschichte des Rechts" - in verblüffend ähnlicher Aufmachung. Alles ebenso gediegen, nur dass statt Iphigenie die Sibylle mit Putto auf dem Umschlag firmierte. Hieß es damals "Geschichte des Rechts", so lautet es heute "Geschichte des Rechts in Europa". Der Untertitel mutierte von einst "Von den Frühformen bis zum Vertrag von Maastricht" zu "Von den Griechen bis zum Vertrag von Lissabon". Wie weit geht also das Neue im neuen Buch von Uwe Wesel?

          Der emeritierte Berliner Juraprofessor hat eine bewegte Lebensgeschichte hinter sich. Nach der Habilitation 1968 wurde er sofort nach Berlin berufen und engagierte sich aktiv in den hochpolitisierten Verhältnissen, an deren vorläufigem Ende 1974 sein Ausschluss aus der SPD stand: Er war zu links. Bald vierzig Jahre später danach befragt, lautet Wesels Auskunft, viele Kollegen hätten die Studenten als Feinde gesehen. Aus deren Sicht sei er von der falschen Fraktion zum Vizepräsidenten der FU Berlin gewählt worden, und so kam halt eins zum anderen. Der sehr linke Rechtshistoriker fühlte sich in der Folge aus politischen Gründen aus dem Fach ausgeschlossen.

          Sein heutiger Ruf stützt sich daher nicht auf viele Rufe, die dann auch nicht kamen, sondern auf Bücher, in denen er einen unverkennbaren Ton kultiviert hat. Als Jura-Bücher für Nicht-Juristen noch eine Seltenheit waren, schrieb er 1984 einen Klassiker: "Juristische Weltkunde". Erfolgsrezept war und ist auch dieses Mal sein sprachlich einzigartig leicht verständlicher Text, verbunden mit großer Sachkunde und Anschaulichkeit. Und natürlich - so viel "1968" ist geblieben - einem sozialen Sinn, der den Prüfstein für die große Erzählung der Rechtsentwicklung abgibt.

          Die Geburt des politischen Intellektuellen

          Mit Zolas "J'accuse" endet diesmal die Darstellung des neunzehnten Jahrhunderts, jener "Epoche der Verwandlung der Welt" (Osterhammel). Die Geburt des politischen Intellektuellen, der ins Tagesgeschehen eingreift, markiert die Epochengrenze und wird höher taxiert als andere Zäsuren. Die Schilderung der historischen Ereignisse ist ein erzählerischer Höhepunkt des Buches: fesselnd und pointiert erfährt man auf sieben Seiten von den vielen einzelnen Prozessen für und gegen den armen Dreyfus. Der Kampf um die Rehabilitierung ist ein Kampf ums Recht zwischen Politik und gerichtlichem Prozess. Am Ende siegt die Gerechtigkeit.

          Tatsächlich scheut Wesel sich nicht, gezielt Alliterationen an eine Fortschrittsgeschichte einzustreuen, wo es um die Prozesse langer Dauer geht. Sucht man nach epochenübergreifenden Kriterien der Darstellung, so stößt man auf Kriterien wie "liberal", "rational", "autonom", "normal" sowie immer wieder: "schon" und "noch". Damit operiert er zurückhaltend, aber durchaus sinnstiftend und gerät in alle Fragwürdigkeiten kategorialer Anachronismen. Unverkennbar bilden sich darin übergreifende Postulate einer Philosophie der Rechtsgeschichte Europas ab.

          Diesen europäischen Anspruch hat Wesel vorbildlich ernst genommen. Der Kontinent ist kein abstraktes Konzept, das die meiste Zeit kulturalistisch aufgeladen und mit Suggestionen von exkludierender Homogenität abgehandelt wird. Im Gegenteil, Wesel hat sich die größtmögliche Mühe der Differenzierung gegeben. Das hat eine lehrbuchmäßige Trennung der Darstellungen zur Folge: So dekliniert er Änderungen der Verfassungsgerichtsbarkeit durch, chronologisch und nach Staaten geordnet. Später folgen andere Rechtsgebiete, Strafrecht oder Arbeitsrecht, und wieder nimmt der Leser nach einem einleitenden Überblick den langen Marsch durch die Territorien auf. Und so begegnet man den begleitenden politischen Ereignissen wie dem Zusammenbruch der Sowjetunion in zuverlässiger Wiederkehr.

          Erfrischend wenig germanisierend

          Weitere Themen

          Die Highlights vom roten Teppich Video-Seite öffnen

          Filmfestival in Cannes : Die Highlights vom roten Teppich

          Glamouröse Kleider, schicke Anzüge, Schuhprobleme, strömender Regen und ein Heiratsantrag... Auf dem roten Teppich des Filmfestivals in Cannes war in diesem Jahr einiges los. Hier sind die schönsten Momente an der Croisette.

          Goldene Palme geht erstmals nach Südkorea Video-Seite öffnen

          Tragikomödie „Parasite“ : Goldene Palme geht erstmals nach Südkorea

          Bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes ist der südkoreanische Regisseur Bong Joon Ho für seine Tragikomödie „Parasite“ mit der Goldenen Palme ausgezeichnet worden. Damit ist er der erste Südkoreaner, der den Hauptpreis des weltweit größten Filmfests gewinnt.

          Topmeldungen

          Kandidatenfeld wächst auf acht : Wer folgt auf May?

          Acht amtierende oder ehemalige Minister aus dem Kabinett der scheidenden Premierministerin haben bislang bekundet, Theresa May beerben zu wollen. Favorit ist Boris Johnson. Es gibt allerdings auch schon prominente Absagen.

          Ibiza-Affäre : Aufnahme läuft

          Zur Herkunft des Ibiza-Videos bringt das ZDF wieder das „Zentrum für politische Schönheit“ ins Spiel. Die Aktivistengruppe dementiert. Als Drahtzieher der für die FPÖ-Politiker Strache und Gudenus aufgestellten Video-Falle hat sich der Anwalt Ramin M. eindeutig bekannt.
          Lewis Hamilton gewinnt das Rennen in Monte Carlo und denkt dabei an den verstorbenen Niki Lauda.

          Formel 1 in Monaco : „Das war das härteste Rennen meines Lebens“

          Der Grand Prix von Monaco ist ein grandioses Rennen. Lewis Hamilton siegt und denkt dabei an den verstorbenen Niki Lauda. Sebastian Vettel profitiert von einer Strafe. Und beim anderen Ferrari-Piloten gibt es großen Frust.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.