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Uwe Ullrich: Vom Rinnsal zum Strom : Ist die Benutzung einer Wahlkabine schon Widerstand?

Bild: auruspress

Die Bastardkinder der Revolution: Publizist Ullrich ließ Zeitzeugen der Wende einen Fragenbogen beantworten. Der brachte erstaunliche Ergebnissen, die so unterschiedlich sind, wie die Wahrheit selbst.

          Als sie dabei halfen, der ihrem Ende entgegentaumelnden DDR den entscheidenden Stoß zu geben, waren jene achtundzwanzig Protagonisten der Friedlichen Revolution, die Uwe Ullrich für die Idee dieses Buches begeistern konnte, zwischen achtundzwanzig und zweiundfünfzig Jahre alt. Gab es damals keine jüngeren oder älteren Bürgerrechtler, Oppositionelle, Reformer? Ullrich hat keine zu bieten. Und ist der Frauenanteil von gerade einmal drei unter seinen achtundzwanzig Gewährsleuten wirklich repräsentativ? Oder der sehr große Anteil der Befragten aus Ingenieursberufen?

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Und wie geht das alles zusammen mit der Einschätzung des einzigen Handwerkers unter den Zeitzeugen, des Schriftsetzers André Andrich, dass die Oppositionsbewegung in der DDR kein Club mit Büro und Adresse gewesen sei, dafür aber ständig auf der Suche nach neuen Mitgliedern? Wieso rekrutierte sie die dann so zielsicher in einem eher kleinen Segment der Bevölkerung?

          Empirische Erhebung über den Zeitgeist der Wende

          Solches Rätseln über die Dynamik der Ereignisse von 1989/90, die zur deutsch-deutschen Vereinigung geführt haben, wird eher größer, je mehr Zeugnisse über das damalige Geschehen zugänglich werden. Dazu trägt auch der Band „Vom Rinnsal zum Strom“ bei, für den der Dresdner Publizist Ullrich einen standardisierten Fragenkatalog erstellt hat, den er dann von Bürgern seiner Stadt beantworten ließ, die sich dort für die demokratische Wende engagiert hatten. Vierundzwanzig unterschiedlich lange Stellungnahmen zu diesem Katalog hat er ausgewählt und um die persönlichen Erinnerungen von vier weiteren Persönlichkeiten ergänzt.

          Das politische Spektrum der Auskunftgebenden reichte 1989 von überzeugter SED-Mitgliedschaft bis zur offenen Feindschaft gegenüber dem System, wobei die meisten von Ullrichs Gewährsleuten sich irgendwo dazwischen angepasst hatten. Etliche lehnten sich dann aus christlicher Überzeugung gegen den Staat auf, einige rekurrierten auch auf jenes Bildungsbürgertum, dem Uwe Tellkamp in seinem Roman „Der Turm“ ein denkbar zwiespältiges Gesicht verliehen hat.

          Das Ergebnis wird zur Satire

          Über einen Kamm scheren lassen sich die Auskunftgebenden jedenfalls nicht. Kein Wunder, dass am Schluss der Bandes eine satirische Gebrauchsanleitung zur Klassifizierung von Ostdeutschen steht. Dresden entwickelte sich zu einem der Zentren der Proteste in der DDR, weil hier die Züge mit den Prager Botschaftsflüchtlingen durchfuhren. Doch später konzentrierte sich die mediale Aufmerksamkeit auf Leipzig - weil die westlichen Journalisten durch ihre Messebesuche mit der Stadt vertraut gewesen seien, behauptet der christliche Buchhändler Manfred Artur Fellisch. Oft schwingt ein leichter Neid auf die traditionelle sächsische Rivalin mit, aber einig war man sich auch unter Dresdens Oppositionellen nicht.

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