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Selbstbildnisse in der Moderne : Das Ich und sein Statement

  • -Aktualisiert am

Eines ihrer etwa vierzig Selbstporträts: Helene Schjerfbecks „Selbstbildnis mit schwarzem Hintergund“ von 1915 Bild: Getty Images

Eigentlich ist es ja kein Vergnügen, dauernd sich selbst anzustarren: Doch einiges spricht durchaus dafür. Der Kunsthistoriker Uwe M. Schneede hat einen Streifzug durch künstlerische Selbstbildnisse unternommen.

          3 Min.

          Michel de Montaigne erklärt 1580 in der Vorrede zu seinen „Essais“: „C’est moy que je peins.“ – „Ich bin es, den ich male.“ Zwar merkt er, welche Mühe es bereitet, das zu greifen, was ihm scheinbar am nächsten steht: das eigene Ich. Doch er lässt nicht locker. Wenn er sein Schreiben als „Malen“ mit Worten bezeichnet, so soll dies anzeigen, dass er mit äußerster Prägnanz vorgehen will. Das Selbstporträt soll den Lesern ins Auge fallen.

          Diesen Anspruch haben sich seit Dürer, Montaigne und Rembrandt zahllose Künstler und Schriftsteller zu eigen gemacht, und seit dem späten neunzehnten Jahrhundert hat die Selbsterkundung vollends Hochkonjunktur. So hat das Ausrufezeichen im Titel von Uwe M. Schneedes Buch – „Ich!“ – programmatische Bedeutung. Der langjährige Direktor der Hamburger Kunsthalle widmet den „Selbstbildnissen der Moderne“ von Vincent van Gogh bis Marina Abramović eine „Überblicksdarstellung“, großzügig wird dabei die Malerei durch „Happening, Aktion, Performance“ ergänzt. Das Buch gleicht einem langen Spaziergang durch den Wunderwald menschlicher Ansichten und Abgründe.

          Nach Schneede gilt es beim Selbstbildnis drei Ebenen zu unterscheiden. Erstens geht es um „Selbstergründung“ – etwa im Sinne von Max Beckmann: „Die Suche nach dem eigenen Selbst ist der ewige nie zu übersehende Weg, den wir gehen müssen.“ Doch wie grüblerisch die Künstler auch sein mögen, in ihren Bildern dokumentieren sich zweitens „Selbstbehauptung“ und „Aufbegehren“. Sie wenden sich an ein Publikum und gegen eine Welt, die sie an den Rand drängt oder mit „Missachtung“ straft. Dabei setzen sie nicht nur sich selbst als Modell in Szene, zur „Ich!“-Botschaft gehört nach Schneede vielmehr drittens das ästhetische – manchmal auch politische – Programm, das vom Bild als „Ideenkonstrukt“ transportiert wird. Zu dieser vielschichtigen Aufgabe passt Ka­tharina Sieverdings Auskunft von 2021: „Sich darzustellen ist eines der grundsätzlichsten Statements, die ich als Künstler produzieren kann.“

          Manches spricht dagegen, sich selbst zu porträtieren: Es sei „kein Vergnügen, dauernd sich selbst anzustarren“, bemerkt Helene Schjerfbeck 1921. „Ich finde ja im allgemeinen die Welt interessanter als gerade meinen eigenen Kopf“, schreibt Ernst Ludwig Kirchner 1928. Doch einiges spricht durchaus dafür, sich als Modell zu wählen. Die eigene Person, der eigene Körper sind Tag und Nacht – umsonst! – verfügbar, und man kann mit diesem „besten und willigsten Modell“ (Lovis Corinth) unverblümter, schonungsloser umgehen als mit jeder anderen Person. „Mein teures Spiegelbild ist wenigstens tolerant“, bemerkt Paula Modersohn-Becker 1893.

          Selbstporträts in der Hölle

          Für die Rücksichtslosigkeit des Künstlers im Umgang mit sich selbst stehen in Schneedes Buch etwa Edvard Munchs „Selbstporträt in der Hölle“ von 1903, in dem eine tieftraurige Gestalt in ein braunrotes Flammenmeer gerät, oder Marina Abramovićs „Balkan Baroque“ von 1997, in dem sie sich in einen blutigen, stinkenden Knochenberg begibt.

          Uwe M. Schneede: „Ich!“ Selbstbildnisse der Moderne. Von Vincent van Gogh bis Marina Abramović.
          Uwe M. Schneede: „Ich!“ Selbstbildnisse der Moderne. Von Vincent van Gogh bis Marina Abramović. : Bild: C.H. Beck Verlag

          Gelehrte Bezüge gibt es in diesem Buch viele, doch mit mutigen Verbindungen – wie eben dem Hinweis auf die verblüffende Nähe zwischen Munch und Abramović – ist Schneede allzu knausrig. So ist die Machart dieses Buches eher pointillistisch als konstruktivistisch. Die systematische Ordnung, die starke Sprünge in der Chronologie rechtfertigen muss, ist nicht klar nachvollziehbar. Das ist leicht zu verschmerzen, denn man ist dankbar für die exquisite Auswahl der Bilder und viele augenöffnende Deutungen. Etwa zu Selbstbildnissen von Ernst Ludwig Kirchner, Max Beckmann, Oskar Kokoschka, Helene Schjerfbeck, Bruce Nauman oder Andy Warhol.

          Der übliche Kanon wird von Schneede nicht nur brav abgedeckt (neben den bereits Genannten zum Beispiel Gauguin, Schiele, Picasso, Kahlo, Rainer, Beuys, Sherman), sondern behutsam erweitert (Ottilie Roederstein, Helene Schjerfbeck, Jürgen Klauke et cetera). Nebenbei entsteht durch Text und Bilderfolge ein mehr als hundert Jahre umfassendes historisches Panorama – mit dem vor allem in der ersten Hälfte beherrschenden Thema Tod. Der Tod der Eltern, der fünf Geschwister und der Geliebten Ferdinand Hodlers, der Tod Paula Modersohn-Beckers im Kindbett, der Kriegstod des achtzehnjährigen Sohnes von Käthe Kollwitz, der Tod Egon und Edith Schieles an der Spanischen Grippe, die Ermordung Felix Nussbaums und seiner Frau Felka Platek in Auschwitz.

          Durch das ganze Buch ziehen sich Hinweise auf „Geschrei“, „Gelächter“ und „Beschimpfungen“ des Publikums, das etwa in einem Bild Edvard Munchs eine „Schweinerei“ sah oder in einer Aktion von Günter Brus ein „öffentliches Ärgernis“. Ausruhen können sich die Künstler auf ihrem „Ich“ nicht – und sie wollen dies auch nicht. Je näher das Ende des 20. Jahrhunderts rückt, desto heftiger wird das Experimentieren mit Identitäten. Arnulf Rainer entdeckt 1976 „lauter neue, unbekannte Menschen, die in mir lauern“, Cindy Sherman setzt sich in den verschiedensten Rollen in Szene, und Andy Warhol arbeitet am „altered image“.

          Man versteht nicht ganz, warum Schneede in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts so stark auf Video, Happening und Performance setzt und die Malerei (nur genannt werden Baselitz, Lassnig, Bacon, Freud, Kippenberger) stiefväterlich behandelt. Das Buch hätte durchaus ein bisschen umfangreicher sein dürfen, sodass zum Beispiel auch noch Platz für Tracey Emin, Orlan oder Valie Export (die immerhin kurz erwähnt wird) gewesen wäre. Vor solchen leicht ins Unendliche gehenden Wünschen hat der eingangs erwähnte Michel de Montaigne allerdings gewarnt und empfohlen, sich in der „großen Kunst“ zu üben, „sich seiner Lage glücklich zu erfreuen und mit ihr zufrieden zu sein“. So hält man sich an Schneedes Buch als gutes Lehrstück in großer Kunst.

          Uwe M. Schneede: „Ich!“ Selbstbildnisse der Moderne. Von Vincent van Gogh bis Marina Abramović. C.H. Beck Verlag, München 2022. 240 S., Abb., geb., 29,95 €.

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