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Uwe Fleckner / Max Hollein: Museum im Widerspruch : Wegsehen im Dienst an der Kunst

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Von Zwang und politischem Druck auf jüdische Eigentümer wollten allerdings weder Wolters noch Holzinger nach dem Krieg wissen: Entsetzen bereitete ihnen allein die „katastrophale Einbuße an Kunstbesitz“, wie Wolters schrieb, den das Städel erlitten hatte. Von da an betrachte man sich selbst als Opfer, eine Haltung, die eine erstaunliche Härte gegenüber den wirklichen Opfern nach sich zog, wie man in dem Beitrag von Dorothea Schöne nachlesen kann. Als die Erben von Goldschmidt-Rothschild sich nach dem Krieg um die Herausgabe ihres Frankfurter Besitzes bemühten, setzte Wolters die Objekte 1948 auf eine Liste von Kunstwerken, die für das Profil der Städtischen Galerie besondere Bedeutung hätten. Die Werke wurde trotzdem restituiert und die Direktion des Städels zeigte sich fassungslos, dass „Kulturbesitz internationaler Wertes“ und „nationaler Bedeutung“ preisgegeben worden sei.

Den Rechtsanwalt von Martha Nathan, der sich nach 1945 wegen der Restitution von Bildern an Holzinger wandte, speiste man mit der Antwort ab, das „Städelsche Kunstinstitut hat nachweislich nie eine antisemitische Handlung vorgenommen“. Und man fand auch nichts dabei, den Verlust von restituierten Werke in einem Atemzug mit den Beschlagnahmungen von 1936/37 zu nennen. Vergangenheitsbewältigung hieß, den Verlust von Dr. Gachet zu beklagen, Vincent van Goghs Porträt, das 1937 als sogenannte „entartete Kunst“ aus dem Städel beschlagnahmt worden war. Das Fehlen von Dr. Gachet, eines bis heute verschollenen Bild, wurde tiefer empfunden als die Auslöschung und Vertreibung von Sammlerfamilien wie den Weinbergs, Nathans oder Goldschmidt-Rothschilds.

Der neue Übervater

Es musste also eine neue Generation von Museumsdirektoren kommen, um mit der Opferrolle der deutschen Museen aufzuräumen. Dass sich auch das Museumspublikum für die Auseinandersetzung mit der Geschichte interessiert, zeigte bereits die Tagung: Der Vortragsraum war bis auf den letzten Platz gefüllt. Und auch in München, als das Zentralinstitut für Kunstgeschichte zu dem Kolloquium „Provenienzforschung in München“ lud, herrschte großer Andrang. Eine Überraschung bietet das Buch im übrigen auch: Ohne viel Aufsehens entledigt man sich Ernst Holzingers, des einstigen Übervaters des Hauses, und setzt an dessen Stelle Georg Swarzenski.

Den Auftakt des Buches bildet nämlich ein Kapitel, geschrieben von Thomas W. Gaetgens, der nun Leben und Wirken des einstigen Generaldirektors würdigt. 1928 wurde Swarzenski ernannt, bis 1937 leitete er das Städel und musste dann wegen seiner jüdischen Abstammung in die Vereinigten Staaten emigrieren, wo er von da an als Kurator am Museum of Fine Arts in Boston arbeitete. Unter seiner Leitung, führt Gaetgens aus, sei „alte und neue Kunst zu einer organischen Einheit geworden, wie sie selten zu finden ist.“ Kurzum: Swarzenskis Vermächtnis, so Gaetgens, sei der Einsatz für die zeitgenössische Kunst im Städel. Im Herbst eröffnet der Anbau des Hauses für die zeitgenössische Kunst. Der neue Übervater kommt also genau zum richtigen Zeitpunkt.

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