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Uwe Fleckner / Max Hollein: Museum im Widerspruch : Wegsehen im Dienst an der Kunst

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Was das Problem mit diesen Geschichten ist? Sie sind, auch das kann man in dem Sammelband nachlesen, vollkommen wahr. Aber - und damit beginnen die Schwierigkeiten - sie sind nur ein Ausschnitt und stehen Geschichten gegenüber, die nach dem Krieg niemand erzählen wollte und auch Holzinger verschwieg. Nicht zur Sprache kam etwa nach 1945 Holzingers Rolle als Kunstsachverständiger des Deutschen Reichs, in dessen Auftrag er 1941 und 1942 durch Holland und Frankreich reiste, um Kunstwerke auf Auktionen in den besetzten Ländern anzukaufen, deren Besitzer auf der Flucht oder ermordet worden waren. Unerzählt blieb lange Zeit auch, dass er als Sachverständiger des Reichserziehungsministeriums arbeitete, eine Funktion, in der er Wert und Qualität von beschlagnahmtem jüdischem Kunstbesitz zu überprüfen hatte. Wie die Schweizer Historikerin Esther Tisa Francini schreibt, war Holzinger zwischen 1941 und 1943 in 55 Fällen gutachterlich tätig. Wie passt das zusammen?

Versteckt in falsch ausgezeichneten Kisten

Die Logik, nach dem sich das Geflecht von Schweigen, Sprechen, Lüge und Wahrheit entwirren lässt, wurde bereits bei der Tagung im vergangenen Jahr deutlich. Sie versteckt sich in Wendungen wie „Dienst am Museum“, „Verpflichtung gegenüber der Institution“ oder „Sicherung der Objekte als oberstes Gebot“. Anders formuliert: Wenn es darum ging, den Bestand des Museums zu schützen, stellte Holzinger die Interessen seines Hauses über die Ansinnen der nationalsozialistischen Kunstpolitik. Er handelte dann beherzt und mutig. Geradezu kaltschnäuzig konnte er aber dieselben Interessen gegenüber den Opfern des nationalsozialistischen Regimes vertreten, wenn sich Erben etwa nach dem Krieg um die Restitution von Kunstwerken bemühten. Für den Dienst an der Kunst setzte sich Holzinger über Menschen hinweg - nationalsozialistische Vorgesetzte ebenso wie enteignete Juden.

Auch der Fall Alfred Wolters liegt ähnlich. Wolters leitete von 1928 bis 1949 die mit dem Städel verbundene Städtische Galerie und reichte im Mai 1938 ein schriftliches Rücktrittsgesuch bei der Stadt ein, da er die „entartete Kunst nicht als entartet empfinden“ könne. Die Bilder des Malers Jakob Nussbaums versteckte er in falsch ausgezeichneten Kisten vor den Nationalsozialisten. Im Jahr 1936 übernahm er jedoch trotzdem die Aufgabe, Listen von „national wertvollem Kulturgut“ in Frankfurter Sammlungen zu erstellen, deren Ausfuhr polizeilich verhindert werden sollte. Wolters setzte darauf unter anderem die berühmte Sammlung Goldschmidt-Rothschild oder die der Witwe Martha Nathan. Der Beitrag von Eva Mongi-Vollmer, Mitglied der Forschungsgruppe und Kuratorin am Städel, dokumentiert ein Schreiben Wolters, in dem er darum bittet, sechs Werke für die Städtische Galerie aus der Sammlung Nathan einzuziehen.

Auslöschung und Vertreibung von Sammlerfamilien

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