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Buch über Demütigung : Der Pranger findet immer sein Publikum

  • -Aktualisiert am

Hölzerner Pranger mit Eisenketten auf einem Spielplatz im fränkischen Wallenfels Bild: Picture-Alliance

Ein politisch gut brauchbares Gefühl: Ute Freverts Studie über die Geschichte und Bedeutung der Demütigung in Europa könnte das Buch der Stunde sein.

          Demütigungen sitzen tief und wirken lang. Sie sticheln, graben und wurmen, werden bisweilen vererbt und überdauern Generationen. Niemand ist davor gefeit, weder Individuen noch Kollektive. Ute Frevert lotet diese Befindlichkeit in ihrer neuen Studie für die europäische Kultur seit dem achtzehnten Jahrhundert aus: Das Spektrum reicht von staatlichen Strategien der Anprangerung über die Funktion der Demütigung in pädagogischen und militärischen Institutionen bis hin zum Cybermobbing und der „Sprache der Demütigung“ in der internationalen Politik.

          Ute Frevert leitet am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung den Bereich „Geschichte der Gefühle“. Gerade für die Geschichtsschreibung aber bedeutet „Demütigung“ eine Herausforderung, weil sie sich einer großen Erzählung entzieht. Dies liegt nicht allein an der Omnipräsenz in allen möglichen sozialen und politischen Situationen, sondern auch an der eigentümlichen Gleichförmigkeit demütigender Verfahren über kulturelle Grenzen hinweg. Wie etwa lässt es sich erklären, dass das Haare-Abschneiden, der Einsatz von Schandmützen und andere Praktiken der Beschämung mit derselben Routine in Europa bis in die Nachkriegszeit durchgeführt wurden wie in Asien während der chinesischen Kulturrevolution? Wie etablieren sich solche „Scripts“ der Demütigung „welt- und zeitumspannend“, obwohl sich wenige Indizien für Kulturtransfers finden? Liegt es an der „performativen Evidenz und Expressivität“ des Repertoires?

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          Ähnlich konstant verhält sich die Politik der Demütigung im Geschichtsverlauf: Als der brandenburgische Kurfürst Friedrich III. 1696 Wilhelm von Oranien einen Besuch abstattete, wurde ihm ein einfacher Stuhl angeboten. Der gerade zum englischen König aufgestiegene Gastgeber hingegen wollte auf einem Armlehnstuhl Platz nehmen. Friedrich war brüskiert, denn das zentrale Projekt seiner Regierung bestand darin, auf Augenhöhe mit „souveränen“ Herrschern umzugehen. Um das Treffen nicht scheitern zu lassen, führte man nach langem Hin und Her die Konversation schließlich im Stehen. Das mag wie ein skurriles Beispiel für den zeremonialen Irrwitz frühneuzeitlicher Politik wirken. Tatsächlich aber wurde um internationale Anerkennung von staatlicher Souveränität gerungen – am Ende des achtzehnten Jahrhunderts hat sich aus diesen Beschämungskonflikten das System europäischer Großmächte ergeben, dessen Spannungsgefüge die Geschichte bis heute bestimmt.

          Solche riskanten Verhandlungen sollten spätestens seit der UN-Charta von 1945 der Vergangenheit angehören. Der Vertrag statuierte den „Grundsatz der souveränen Gleichheit“, damit um diesen Status nicht immer aufs Neue gerungen werden muss. Die Praktiken, mit denen der Anspruch auf Autonomie verteidigt wird, bleiben gleichwohl bemerkenswert konstant. So strahlte das türkische Fernsehen 2010 einen Bericht aus, der israelische Soldaten als Kindermörder brandmarkte. Danny Aylon, der stellvertretende Außenminister Israels, bestellte daraufhin den türkischen Botschafter ein, um den Diplomaten für diese Attacke auf das politische Selbstverständnis seines Landes gezielt zu erniedrigen. Beim Treffen fehlte die türkische Flagge; das Gespräch wurde von israelischer Seite mit eiserner Miene geführt. Vor allem aber wies Aylon dem Botschafter, wie er dem anwesenden Fernsehteam zuvor eigens verkündet hatte, einen niedrigeren Sessel als sich selbst zu.

          Die Gesten der Demütigung verhalten sich mithin bemerkenswert resistent gegenüber modernen Idealen der Versachlichung. Zugleich verdeutlicht Frevert mit diesem Beispiel, dass gerade die Modernisierung politischer Verhältnisse neue Demütigungspotentiale erzeugt. Denn die niedrigere Plazierung des türkischen Botschafters wurde nicht nur von ihm oder von der türkischen Regierung als beschämend aufgefasst, sondern sogleich hochgerechnet: Das gesamte türkische Volk fühle sich gedemütigt. Diese emotionale Erhitzung setzte die Etablierung des Nationalstaats voraus – „die Ehre des Staates, vormals des Fürsten, ging auf die Nation über, Beleidigungen dieser Ehre trafen nun die Gesamtheit der Staatsbürger“. Tatsächlich entschuldigte sich Danny Aylon nicht nur „persönlich“ beim Botschafter, sondern bat auch darum, diese Botschaft dem „türkischen Volk“ zu überbringen, „für das wir großen Respekt hegen“. Damit spielte Aylon auf einen weiteren modernen Faktor politischer Demütigung an: die Massenmedien.

          Ute Frevert: „Die Politik der Demütigung“. Schauplätze von Macht und Ohnmacht.

          Zweifellos lässt sich ein grober Trend erkennen: Demütigungen werden in westlichen Kulturen sozial und politisch zunehmend geächtet, so dass sich der Demütigende eigentlich selbst bloßstellt. Zugleich aber ergeben sich ständig neue Möglichkeiten der Beschämung, und etablierte Szenen der Demütigung werden immer wieder durchgespielt. Frevert fängt diese gespenstische Präsenz des Demütigens durch eine Strategie des Einerseits-andererseits ein und präsentiert eine Fülle an Material. Die Darstellung springt dabei gern zwischen Zeiten, Orten und von Beispiel zu Beispiel. So bleibt häufig unklar, auf welche historischen Herausforderungen und konkreten Probleme sich die beispielhaft angeführten Szenen der Demütigung im Kontext unterschiedlicher sozialer, politischer oder kultureller Strukturen beziehen.

          Das ist schade. Denn Freverts Studie könnte eigentlich das Buch zur Stunde sein. Schließlich setzen Vertreter des grassierenden Populismus die Politik der Demütigung virtuos ein. Donald Trumps Versprechen, die Vereinigten Staaten nicht nur „great“, sondern auch „proud again“ zu machen, aktiviert tiefsitzende Gefühle der Erniedrigung. Und hierzulande verdankt die AfD ihre Wahlerfolge auch Bürgern, denen es wirtschaftlich gutgeht, die sich aber eher diffus mit ihren Sorgen übergangen und vom Establishment nicht anerkannt fühlen. Noch verstehen viele politische Akteure zu wenig, wie demütigend ihre Gesten, ihre Rhetorik und ihre Haltung wirken können. Ute Frevert befasst sich mit diesen aktuellen Zusammenhängen leider nur am Rand.

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