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Zum Zustand Amerikas : Jetzt hilft nur noch ein Umbau der Wirtschaft

  • -Aktualisiert am

Ist der amerikanische Pass heute tatsächlich nichts mehr wert? Bild: Picture Alliance

Im therapeutischen Selbstgespräch: George Packer blickt auf die jüngere Geschichte der Vereinigten Staaten und sieht die Demokratie in Gefahr.

          4 Min.

          Dies ist kein Buch, mit dem sich George Packer Freunde macht. Für den Journalisten, der lange für den New Yorker gearbeitet hat und nun für den Atlantic schreibt, zerfällt Amerika in vier Lager, die ihrer je eigenen Ideologie verfallen sind. Da ist das „Freie Amerika“, das sich libertären Ideen verschrieben hat, Freiheit aber irrtümlich mit Ungezügeltheit gleichsetzt. Da ist das „Smarte Amerika“ einer urbanen Bildungselite, die der Meritokratie huldigt und alle Kräfte daransetzt, ihre Privilegien an die eigenen Kinder zu vererben. Da ist das ländlich und kleinstädtisch geprägte „Wahre Amerika“, das sich an Religion und Nation klammert, weil ihm sonst wenig bleibt. Und dann ist da noch das „Gerechte Amerika“, das sich dem Anti-Rassismus verpflichtet hat, dabei aber zunehmend autoritär auftritt. Jedes dieser Lager, so Packer, habe sich selbstgerecht in seine eigene Welt zurückgezogen – und keines habe konstruktive Vorschläge, wie sich das Land wieder zusammenbringen ließe.

          Packers Buch ist eigentlich ein längerer Essay. Vor dem Hintergrund der aktuellen gesellschaftlichen Krise und der Pandemie ordnet er die sozialen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte ein und verweist dabei immer wieder auf die großen Linien der amerikanischen Geschichte. Sein Ausgangspunkt ist die Sorge, dass die gesellschaftliche Polarisierung das Prinzip des Sich-selbst-Regierens bedroht. Es gebe, so Packer, zu wenig, was die Menschen aus den vier Amerikas noch verbindet. Den tieferen Grund für die Lagerbildung sieht er in den ungleichen Lebensbedingungen, die eine Begegnung auf Augenhöhe erschwerten.

          Provinzielle Ansichten, hypermaskuline Art

          Packer geht es dabei vor allem um eine ökonomische Ungleichheit, die das Land in Gewinner und Verlierer spalte und sogar viele in Vollzeit Beschäftigte in prekären Verhältnissen zurücklasse – ohne eine Chance, sich je eine gesicherte Existenz aufzubauen. Packers These: „Um unsere Demokratie zu retten, müssen wir unsere Wirtschaft umbauen, damit sie uns zu gleichen Amerikanern machen kann.“

          George Packer: „Die letzte beste Hoffnung“. Zum Zustand der Vereinigten Staaten.
          George Packer: „Die letzte beste Hoffnung“. Zum Zustand der Vereinigten Staaten. : Bild: Rowohlt Verlag

          Genau das aber, eine sozialere Gestaltung der Wirtschaft, strebt in Packers Augen keines der vier Amerikas an. Besonders hart geht er mit jenen ins Gericht, die sich selbst als progressiv bezeichnen. In den Vertretern des „Smarten Amerika“ sieht er Leute, die eine „neue, erbliche Klassenstruktur“ im Rücken habe, individualistisch denkende Gewinner, für die kollektive Organisationen wie Gewerkschaften keine Rolle spielen. Die Arbeiterschaft „mit ihren provinziellen Ansichten und ihrer hypermaskulinen Art“ sei für ihre politische Klasse eher „peinlich“.

          Ungenau, aufgeregt, phrasenhaft

          Den Anhängern des aktivistischen „Gerechten Amerika“ wirft er nicht nur vor, den Raum des Sagbaren vielerorts stark eingeschränkt zu haben. Vor allem hält er sie für unfähig, die grundlegenden Lebensverhältnisse der Menschen zu verändern: Die „große Systemanalyse“ ende in der Regel „in kleinteiliger Symbolpolitik“. Während der Pandemie, schreibt Packer, habe es in San Francisco hitzige Debatten darüber gegeben, ob eine Schule noch nach Franklin D. Roosevelt benannt sein dürfe; dass die Kinder überhaupt nicht in die Schule gehen konnten, habe weniger interessiert. Oder schärfer formuliert: „Wer (. . .) sein Rassenprivileg eingesteht, kann sich weiter am Klassenprivileg festklammern.“

          Packer knüpft mit diesem Essay an seinen Bestseller „Die Abwicklung“ (2013) an, in dem er Reportagen verschiedener Menschen aus ganz Amerika zum Porträt einer auseinanderdriftenden Nation zusammengefügt hatte. Die Schlagkraft dieses Buches lag in der einfühlsamen und zurückhaltenden Art, in der Packer seine Protagonisten, die er oft über Jahrzehnte immer wieder besucht hatte, zu Wort kommen ließ.

          Mut zur Unbequemlichkeit

          Derart authentische Stimmen fehlen in diesem viel analytischer gehaltenen Essay. Zwar geht Packer auf einige „Vorkämpfer“ ein, die auf wirtschaftliche Teilhabe als Treiber gesellschaftlicher Integration setzten – etwa die Frauenrechtlerin Frances Perkins und den afroamerikanischen Bürgerrechtsaktivisten Bayard Rustin. Doch ihre Geschichten bleiben schematisch, wirken wie Versatzstücke, die Packer in den Text einfügt, um seine Vorschläge in einer politischen Tradition zu verorten, mit der sich seine Leser identifizieren können.

          Ganz anders als „Die Abwicklung“ wirkt dieser Essay mitunter ungenau, aufgeregt, phrasenhaft. Vielleicht reflektiert das die Tatsache, dass Packer den Text in den tumultartigen Monaten nach der Präsidentenwahl verfasst hat. Aber das Pathos, das im Titel anklingt und das ganze Buch durchdringt, ersetzt die nuancierte Reflexion nicht. Immer wieder bemüht Packer etwa das Bild der Vereinigten Staaten als des auserwählten Landes. Amerika sei „kein ‚Licht für andere Völker‘ mehr“, schreibt er, um später stolz festzustellen: In „dieser Ära von demokratisch gewählten autoritären Regenten hat kein anderes Volk es geschafft, einen davon wieder loszuwerden – nur die Amerikaner“.

          Na, immerhin, möchte man ausrufen – Balsam für die geschundene Seele eines Bürgers, der eben erst die groteske These formuliert hat, ein „amerikanischer Pass, einst begehrtes Diebesgut, ist heute nichts mehr wert“. Mitunter wirkt Packers Essay wie das therapeutische Selbstgespräch eines Reporters, der während der Pandemie auf dem platten Land festsitzt, seinem Beruf nicht nachgehen kann und sich in ein verzweifeltes Grübeln über sein Verhältnis zur eigenen Nation stürzt.

          Drei Überlegungen kommen dabei jedoch zu kurz. Erstens macht Packer nur wenige konkrete Vorschläge, wie der Umbau der Wirtschaft angegangen werden könnte. Zweitens geht er auf politische Initiativen in dieser Richtung kaum ein. Dabei begeisterte Bernie Sanders mit seinen sozialdemokratischen Vorschlägen die Anhänger verschiedener Lager, und Präsident Biden orientiert seine Politik bisher eisern am Ziel, die amerikanische Mittelschicht zu stärken. Drittens unterlässt Packer den Vergleich mit westeuropäischen Ländern, in denen sich vielerorts – in abgeschwächter Form – ähnliche Lager identifizieren lassen. Diesen Schwächen zum Trotz: Packers Text verdient Beachtung. Seine Unterscheidung der vier gesellschaftlichen Gruppen ist hilfreich, seine Analyse ihrer jeweiligen Engstirnigkeit trifft mindestens einen wahren Kern. Im Übrigen muss man Packer gar nicht in jedem Detail zustimmen, um seinen Mut zur Unbequemlichkeit zu schätzen.

          George Packer: „Die letzte beste Hoffnung“. Zum Zustand der Vereinigten Staaten. Aus dem Englischen von Elisabeth Liebl. Rowohlt Verlag, Hamburg 2021. 256 S., geb., 26 Euro.

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