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Zum Zustand Amerikas : Jetzt hilft nur noch ein Umbau der Wirtschaft

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Packer knüpft mit diesem Essay an seinen Bestseller „Die Abwicklung“ (2013) an, in dem er Reportagen verschiedener Menschen aus ganz Amerika zum Porträt einer auseinanderdriftenden Nation zusammengefügt hatte. Die Schlagkraft dieses Buches lag in der einfühlsamen und zurückhaltenden Art, in der Packer seine Protagonisten, die er oft über Jahrzehnte immer wieder besucht hatte, zu Wort kommen ließ.

Mut zur Unbequemlichkeit

Derart authentische Stimmen fehlen in diesem viel analytischer gehaltenen Essay. Zwar geht Packer auf einige „Vorkämpfer“ ein, die auf wirtschaftliche Teilhabe als Treiber gesellschaftlicher Integration setzten – etwa die Frauenrechtlerin Frances Perkins und den afroamerikanischen Bürgerrechtsaktivisten Bayard Rustin. Doch ihre Geschichten bleiben schematisch, wirken wie Versatzstücke, die Packer in den Text einfügt, um seine Vorschläge in einer politischen Tradition zu verorten, mit der sich seine Leser identifizieren können.

Ganz anders als „Die Abwicklung“ wirkt dieser Essay mitunter ungenau, aufgeregt, phrasenhaft. Vielleicht reflektiert das die Tatsache, dass Packer den Text in den tumultartigen Monaten nach der Präsidentenwahl verfasst hat. Aber das Pathos, das im Titel anklingt und das ganze Buch durchdringt, ersetzt die nuancierte Reflexion nicht. Immer wieder bemüht Packer etwa das Bild der Vereinigten Staaten als des auserwählten Landes. Amerika sei „kein ‚Licht für andere Völker‘ mehr“, schreibt er, um später stolz festzustellen: In „dieser Ära von demokratisch gewählten autoritären Regenten hat kein anderes Volk es geschafft, einen davon wieder loszuwerden – nur die Amerikaner“.

Na, immerhin, möchte man ausrufen – Balsam für die geschundene Seele eines Bürgers, der eben erst die groteske These formuliert hat, ein „amerikanischer Pass, einst begehrtes Diebesgut, ist heute nichts mehr wert“. Mitunter wirkt Packers Essay wie das therapeutische Selbstgespräch eines Reporters, der während der Pandemie auf dem platten Land festsitzt, seinem Beruf nicht nachgehen kann und sich in ein verzweifeltes Grübeln über sein Verhältnis zur eigenen Nation stürzt.

Drei Überlegungen kommen dabei jedoch zu kurz. Erstens macht Packer nur wenige konkrete Vorschläge, wie der Umbau der Wirtschaft angegangen werden könnte. Zweitens geht er auf politische Initiativen in dieser Richtung kaum ein. Dabei begeisterte Bernie Sanders mit seinen sozialdemokratischen Vorschlägen die Anhänger verschiedener Lager, und Präsident Biden orientiert seine Politik bisher eisern am Ziel, die amerikanische Mittelschicht zu stärken. Drittens unterlässt Packer den Vergleich mit westeuropäischen Ländern, in denen sich vielerorts – in abgeschwächter Form – ähnliche Lager identifizieren lassen. Diesen Schwächen zum Trotz: Packers Text verdient Beachtung. Seine Unterscheidung der vier gesellschaftlichen Gruppen ist hilfreich, seine Analyse ihrer jeweiligen Engstirnigkeit trifft mindestens einen wahren Kern. Im Übrigen muss man Packer gar nicht in jedem Detail zustimmen, um seinen Mut zur Unbequemlichkeit zu schätzen.

George Packer: „Die letzte beste Hoffnung“. Zum Zustand der Vereinigten Staaten. Aus dem Englischen von Elisabeth Liebl. Rowohlt Verlag, Hamburg 2021. 256 S., geb., 26 Euro.

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