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Abschied von den Eltern : Die Dinge sprechen zu uns

Erinnerungen sind an Menschenleben gebunden. Was macht man mit ihnen? Aufbewahren? Aussortieren? Bild: Getty

Was wird aus den alten Eltern, und was machen wir mit dem Haus? Die Journalistin Ursula Ott hat ein persönliches Buch über eine Erfahrung geschrieben, die uns alle angeht.

          Als der Umzugswagen kommt, um das Mobiliar für die neue Wohnung der Mutter abzuholen, den Esstisch, an dem die Familie immer zusammenkam, das Service mit dem Goldrand, die siebzehn Fotoalben, da fühlt sich das Elternhaus für die Töchter fast schon fremd an. Dabei war es für die beiden Frauen eben noch undenkbar, das Haus, das fünfzig Jahre im Besitz der Familie war, zu verkaufen.

          Sandra Kegel

          Redakteurin im Feuilleton.

          Doch es sprach alles dafür: Die Mutter, hochbetagt, konnte nach dem Tod des Vaters nicht länger allein dort leben, und die Töchter würden es nicht übernehmen. Ihre Heimat im tiefschwarz katholischen Oberschwaben hatten sie schon vor einem halben Leben verlassen, wohnten längst in anderen Städten, hatten Berufe ergriffen, Familien gegründet, waren ins Ausland gegangen, sind zurückgekehrt.

          Das Haus und die eigene Kindheit aufräumen

          „Was wird aus den alten Eltern – und was machen wir mit dem Haus?“ Das sind die zentralen Fragen im neuen Buch von Ursula Ott. In „Das Haus meiner Eltern hat viele Räume“ ergründet die Autorin anhand ihrer eigenen Familiengeschichte in dreizehn mitunter sehr persönlichen Kapiteln eine Erfahrung, die uns alle betrifft. Wie umgehen mit der seelischen Herausforderung? Welchen elterlichen Aufträgen aus dem Haus kann man entsagen? Und vor allem: Was soll bleiben von den Dingen der Toten? Für Ursula Ott und ihre Schwester bedeutete die Antwort darauf zwölf Monate lang schweißtreibendes Räumen und manche Träne: „Ein Jahr lang haben wir aufgeräumt. Unser Haus. Unsere Kindheit. Unsere Familie.“

          Die Entscheidung zum Verkauf haben alle gemeinsam getroffen, und doch wird der Tochter jetzt schwer ums Herz. Da kann sie in der Kirche mit August Hermann Franckes Liedzeilen – „Vergesset, was dahinten liegt und euern Weg beschwert“ – noch so laut dagegen ansingen: Mit dem Abschied vom Elternhaus gelangt ein Lebensabschnitt ans Ende. Auch wenn das Haus den Töchtern schon lange kein Wohnort mehr war, fällt ihnen der Schritt auch deshalb schwer, weil mit dem Haus auch ein ideeller Ort verlorengeht: Jetzt gibt es kein Zurück mehr.

          Nicht nur die Mutter muss es nun schaffen in ihrem neuen Apartment für betreutes Wohnen. Auch die Töchter verlieren ihren Rückzugsort, das Zimmer für sich allein, das bei jeder Krise verlässlich auf sie wartete. „Ich fürchte, ich muss jetzt wirklich erwachsen werden“, denkt Ursula Ott – immerhin eine gestandene Journalistin, „Chrismon“-Chefredakteurin und zweifache Mutter – an der Klippe dieser biographischen Wende.

          Begreifen, woher man kommt, wer man ist

          Einerseits brauchte sie die lange Zeit, um sich ihre Kindheit noch einmal anzuschauen: Die Puppe zur Hand zu nehmen, im Fotoalbum zu blättern, das bedeutet immer auch, zu begreifen, woher man kommt, wer man ist. Für Ursula Ott ist dies zugleich Voraussetzung, um einbiegen zu können „in die nächste Kurve des Lebens“. Das Jahr brauchte es aber auch, um sich von allem zu trennen, was sich im Laufe von fünfzig Jahren angesammelt hat. Wohin mit all den Dingen, den Kristallgläsern und Dessertschalen, Regenschirmen?

          Mit professionellen Entrümplern hat die Autorin keine guten Erfahrungen gemacht, der taxierende Blick auf die Welt ihrer Kindheit hat sie gekränkt. Wegwerfen, das ging für sie auch nicht, denn „die Dinge wollen weiterleben“, haben eine Geschichte, wurden für besondere Anlässe gekauft, sind mit Erinnerungen behaftet. Beim Trödler stellt Ott dann allerdings Kurioses fest: Ihre Generation, die heute um die Fünfzigjährigen, die jetzt damit beschäftigt ist, die Häuser ihrer Eltern auszuräumen, stößt auf die immer gleichen Gegenstände. Die Gläser, Sessel und Lampen liegen beim Trödler alle schon vor.

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