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Essays über Pionierinnen : Mit der Spitzhacke des Verstandes die Erde aufwühlen

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Genealogin der Pionierinnen: Ursula Krechel auf der Buchmesse 2012 in Frankfurt Bild: AFP

Dame, Girl und Frau: Ursula Krechel schreibt in einem lesenswerten Band über Pionierinnen, die in ihren Fächern Maßstäbe gesetzt haben.

          Christine de Pizan wurde 1365 in Venedig geboren. Ihr Vater kam als Arzt und Astrologe an den Hof Karls des V., und so wuchs Christine also in Paris auf, in einem männlich geprägten Haushalt (sie hatte viele Brüder) und im Geiste einer männlichen Auffassung von Verstandesnutzung. Durch die Unterstützung ihres Vaters gelang es ihr allerdings bald selbst, zu einer anerkannten Gelehrten zu werden. Ihre essayistischen Abhandlungen wurden von den Fürsten des Spätmittelalters fleißig gekauft und weiterempfohlen.

          Christine de Pizan, die Urahnin der feministischen Bewegung

          Man kann sagen, dass Christine de Pizan nicht nur die erste freie und frei verdienende Schriftstellerin der französischen Literaturgeschichte war. Sie gilt heute auch als eine Urahnin der feministischen Bewegung. Kurz gesagt, ohne die Pizan keine Beauvoir. Beide verbindet jedenfalls deutlich mehr als ihr adeliges Attribut. In ihrem Buch von der Stadt der Frauen legt de Pizan Zeugnis über die Spielformen geschlechtsspezifischer Geringschätzung ab und auch darüber, wie sehr der eigene Lebensentwurf lange auf der Kippe stand. Einer weiblichen Figur legt sie folgenden autobiographisch motivierten Satz in den Mund: „Dein eigener Vater, ein bedeutender Naturwissenschaftler und Philosoph, glaubte keineswegs, das Erlernen einer Wissenschaft gereiche einer Frau zum Schaden; wie du weißt, machte es ihm große Freude, als er deine Neigung zum Studium der Literatur erkannte. Aber die weibliche Meinung deiner Mutter, die dich, wie es für Frauen gemeinhin üblich ist, mit Handarbeiten beschäftigen wollte, stand dem entgegen, und so wurdest du daran gehindert, in deiner Kindheit weitere Fortschritte in den Wissenschaften zu machen.“

          Dichten als Weib im weiblichen Geist

          Ursula Krechel, die Buchpreisträgerin des Jahres 2012, widmet das erste Kapitel ihres sehr lesenswerten Pionierinnen-Buchs Christine de Pizan. Wer die Dame bislang nicht oder nur flüchtig kannte, wird mit diesem Porträt eine Wissenslücke schließen können. Wie die Pizan beispielsweise das höfische Frauenbild, die Romantisierungen der Minne, zurückwies, wie sie mit ihrer Kritik am Rosenroman eines Jean de Meung den ersten Literaturstreit der Pariser Intellektuellenszene anzettelte, die sogenannte „Querelle du Roman de la Rose“. Und wie sie sich mit den männlichen Kollegen anlegte, ja überhaupt von ihnen als Kollegen zu denken wagte, erfüllt einen sechshundertfünfzig Jahre später mit Erstaunen. Ein derart avanciertes Werk zu dieser Zeit? Mit der „Spitzhacke“ ihres Verstandes, habe Pizan die Erde, auf der die Gesellschaft damals stand, aufgewühlt und darauf ein Fundament errichtet, auf dem bis heute unsere Ideale von Gleichberechtigung und Emanzipation stehen.

          Als Nächstes erfahren wir einiges über das Leben der Karoline von Günderrode. Wieder eine Grenzgängerin, die sich mit der dem weiblichen Geschlecht vorbehaltenen Seins- und Ausdrucksweise nicht zufriedengeben wollte und dies am Ende mit dem Leben bezahlte, weil ihre auch künstlerisch inspirierende Affäre mit dem verheirateten Altertumswissenschaftler Friedrich Creuzer ein tragisches Ende nahm, als dieser die lange in Aussicht gestellte Scheidung nicht vollzog und seine Geliebte sich daraufhin das Leben nahm.

          Karoline von Günderrode: Heute ist sie als Vertreterin der Frühromantik kanonisiert.

          Weibliche Subjektivität war die Sache der Günderrode als Dichterin nicht. Sie zielte eher aufs Heroische, wollte wie Hölderlin oder Novalis den ganzen Weltentwurf, nicht den halben. Heute ist sie als Vertreterin der Frühromantik kanonisiert, allerdings nur in Expertenkreisen. Krechel schreibt hierzu: „Man muss Karoline von Günderrode exhumieren anhand ihrer wahren Hinterlassenschaften - und das sind ihre leuchtenden Texte, nicht die Erinnerung an die tragische Person an der feuchten Friedhofsmauer.“ Ein Kritiker ihrer „Poetischen Fragmente“ teilte einmal erstaunt mit, dass die Günderrode habe dichten wollen „als Weib im männlichen Geist“. Krechel pointiert diese Einschätzung souverän: „Doch hätte sie zu dichten versucht als Weib im weiblichen Geist, ihre Arbeit wäre als eine höhere schriftliche Stickerei angesehen worden.“

          Eine staunenswerte Genealogie von Frauen

          Daneben bemerkt die Miniaturbiografin kleine Zufälligkeiten, die einer Dichterin wie Krechel aber nie als Zufall allein erscheinen können. „Wo sie in Frankfurt am Main lebte und arbeitete, im ,v. Cronstetten und Hynsperg’schen Adelig-Evangelischen Damenstift‘ am Rossmarkt 17, an der Ecke zum Salzhaus, klafft heute eine Lücke, der Durchbruch zur Kaiserstraße. Daneben stand lange ein Möbelkaufhaus mit dem ernüchternd einsilbigen Namen ,Mann‘.“

          Auch ihre widmet Ursula Krechel ein Kapitel: Schriftstellerin Ingeborg Bachmann

          Krechels Essays schaffen eine staunenswerte Genealogie von Frauen, die in ihrem Fach Maßstäbe gesetzt, aber auch immer Federn in dem vorangegangenen Geschlechterkampf gelassen haben. Bettina von Arnim, Annette von Droste-Hülshoff, Marieluise Fleißer, Hannah Höch und andere. Prominentestes Beispiel aus der literarischen Moderne wäre Ingeborg Bachmann, der Ursula Krechel ebenso ein Kapitel widmet wie der verehrten Friederike Mayröcker. Hier, in einer Epoche, die für die Dichterin Zeitgenossenschaft bedeutet, zeigt sich die Crux beim Erschreiben einer Aktualbibliographie. So klug und anregend Krechels Bemerkungen über die Bachmann sind, so esoterisch wird es, wenn sie die Übernahme eines Kronleuchters aus dem Bachmannschen Besitz leitmotivisch auskostet.

          Wieder unbestechlich klug ein Essay mit dem Titel „Linksseitig, kunstseidig: Dame, Girl und Frau“, in dem der neue Typus der Berlinerin bei Fontane, Döblin, Bloch oder Keun untersucht wird. Von Mascha Kaléko ist hierzu ein Satz überliefert, über den unter der Rubrik Emanzipation und Kapitalismus noch nachzudenken wäre: „Es hieß, wir sollten jetzt ins Leben treten. / Ich aber leider trat nur ins Büro.“ 1976 erschien Ursula Krechels „Selbsterfahrung und Selbstbestimmung. Bericht aus der neuen Frauenbewegung“. Mit ihrem Essayband knüpft sie virtuos an ein maßgebliches Thema ihrer eigenen Schreibbiographie an.

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