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Taubblinde in Deutschland : Doppelter Sinnesverlust

Armbinde: Im Herbst 2013 haben taubblinde Menschen unter dem Motto „Taubblinde in Isolationshaft“ für ihre Belange vor dem Reichstag in Berlin demonstriert. Bild: Picture-Alliance

Ursula Benard hat den Alltag taubblinder Menschen begleitet. In ihrem Buch berichtet sie von einer Behinderung, die die Vorstellungskraft vieler Menschen überfordert. Dabei ist es fatal, die Taubblinden auszuschließen.

          3 Min.

          Es ist ein sonniger, warmer Junitag, als eine Gruppe taubblinder Menschen in Berlin auf einem Bahnsteig steht und auf den Zug wartet, der sie zurück ins Ruhrgebiet bringen soll. Die Stimmung ist heiter, hinter den Reisenden liegt eine erlebnisreiche Woche. Plötzlich spricht ein Mann eines der Gruppenmitglieder an und bittet um Geld: „Ich sammle für die Obdachlosen, ein Euro für die Obdachlosen“, sagt er, doch der Angesprochene reagiert nicht, denn er sieht den um eine Spende Bittenden weder, noch hört er ihn. Der Mann sagt: „Verdammt noch mal, blödes Schwein! Wenigstens antworten könntest du!“

          Melanie Mühl
          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Szene spielt in dem Buch „Wenn einem Hören und Sehen vergeht. Taubblind leben in Deutschland – ein Erfahrungsbericht“ von Ursula Benard, und sie macht mit erschütternder Deutlichkeit klar, dass es sich bei Taubblindheit offenbar um eine Behinderung handelt, die die Vorstellungskraft vieler Menschen überfordert. Der weitgehende oder komplette doppelte Sinnesverlust hat etwas Monströses. Kaum oder gar nicht sehen und hören können, abgekapselt sein von der Welt mit all ihren Möglichkeiten, zum Dahinvegetieren verdammt – so muss es sein, so stellen es sich Außenstehende oft vor.

          Taubblinde leben meist isoliert von allen anderen Menschen. Die Zwillinge Jörg und Rolf Fischer haben wenigstens einander. Sie haben eine eigene Sprache entwickelt.
          Taubblinde leben meist isoliert von allen anderen Menschen. Die Zwillinge Jörg und Rolf Fischer haben wenigstens einander. Sie haben eine eigene Sprache entwickelt. : Bild: Marlena Waldthausen

          Aber so ist es nicht. Die Lebenswelt Taubblinder, schreibt Ursula Benard, bestehe nicht nur aus Tragik und Verzicht, sondern auch aus Lachen und Lebensfreude, und das zu zeigen, auch darauf kommt es Ursula Benard an. Um allerdings überhaupt erst Lebensfreude empfinden, um ein würdevolles Leben führen zu können, ist die Möglichkeit gesellschaftlicher Teilhabe zwingend – und genau diese gesellschaftliche Teilhabe ist für die hierzulande schätzungsweise achttausend Betroffenen nicht gewährleistet.

          In einem bis in den kleinsten Winkel bürokratisierten System haben Taubblinde nicht einmal ein eigenes Merkzeichen im Behindertenausweis. Das ist ein Skandal. Wie dramatisch sich das Leben Taubblinder verbessert, sobald sie die Unterstützung erhalten, die sie als Ausweg aus der Isolation benötigen, nämlich persönliche Assistenz, schildert Ursula Benard eindrucksvoll. Weshalb sollten taubblinde Menschen nicht Schach am Computer spielen können? Oder Marathon laufen? Weshalb nicht segeln oder Drachenbootfahren?

          Es sei zwar nicht ganz einfach, wenn man nichts hört und nichts sieht, ein Boot im Gleichtakt fortzubewegen, zumal wenn jeder an Bord über andere Sinneskanäle noch Infos aufnehmen könne, erzählt Anna, die Protagonistin des Buchs und Leiterin einer Selbsthilfegruppe von Taubblinden, aber es sei möglich: „Ich habe genügend Freiwillige zusammenbekommen und alle haben mir vertraut, dass es gutgehen wird. Ich bin der Chef im Boot und darf nicht zeigen, dass mir selbst etwas mulmig zumute ist. Über Schreien, Gebärden und mit einem Paddel ins Boot schlagen versuche ich den Rhythmus zu vermitteln und dank der anderen Assistenten an Bord klappt es auch ganz gut. Ja, und wir haben es geschafft – eine tolle Erfahrung als Team etwas zu erreichen, gemeinsam Spaß zu haben.“

          Nichts hören, nichts sehen können - die Weste zeigt es an.
          Nichts hören, nichts sehen können - die Weste zeigt es an. : Bild: Wolfgang Eilmes

          Niemand weiß genau, wie viele taubblinde Menschen tatsächlich in Deutschland leben, in Heimen, in die sie nicht gehören, weil das Personal dort nicht auf die Kommunikationsbedürfnisse Taubblinder eingerichtet ist, oder isoliert bei ihren Familien. So wie Erich aus Süddeutschland. Erichs Schwester wandte sich in einer verzweifelten Mail an Anna: „Mein Bruder hat, bedingt durch das schlechte Sehen, nie die Gebärdensprache gelernt. Sinnvoll sprechen kann er auch nicht, er gibt nur Laute von sich. Mein Bruder liegt fast nur noch im Bett und schlägt sich, wie meine Mutter beobachtet hat, vor Verzweiflung mit den Fäusten vor den Kopf.“

          Erichs Eltern sind alt und gebrechlich, die Behinderung ihres Sohnes überfordert sie heillos. Sie wissen nichts von der Existenz eines Taubblindenwerks in Hannover, nichts von Rehabilitationsmaßnahmen, Mobilitätstraining oder einem taktilen Handalphabet, dem Lormen, bei dem bestimmte Stellen und Punkte der Hand Buchstaben zugeordnet sind.

          Inklusion darf nicht heißen, dass in erster Linie Stiftungen, Ehrenamtliche, geringfügig Bezahlte und Angehörige die Arbeit übernehmen. Wo bleibt ein eigenes Merkzeichen für Taubblinde? Ursula Benards wichtiges Buch erinnert uns daran, dass der Sozialstaat kein lückenloses Netz ist, der jeden, der durch ein Unglück plötzlich einer Minderheit und nicht mehr der Mehrheitsgesellschaft angehört, ganz selbstverständlich auffängt. Wir alle können irgendwann durchs Raster fallen, dafür muss man gar nicht taubblind werden.

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