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: Unser ungewollter Geburtshelfer

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Zu den fundamentalen Lehren Rousseaus gehört die These, dass der Mensch eine "totale Entfremdung" durchmachen müsse, um sich in einen Bürger - im Sinne von Citoyen - zu verwandeln, und dass diese Verwandlung unter modernen Bedingungen, also nach dem Sieg des Christentums über die Antike, nicht mehr restlos gelingen könne.

          Zu den fundamentalen Lehren Rousseaus gehört die These, dass der Mensch eine "totale Entfremdung" durchmachen müsse, um sich in einen Bürger - im Sinne von Citoyen - zu verwandeln, und dass diese Verwandlung unter modernen Bedingungen, also nach dem Sieg des Christentums über die Antike, nicht mehr restlos gelingen könne. Der moderne Bourgeois sei hin und her gerissen zwischen seinem Menschsein und dem Wunsch, Bürger zu sein. Diese Lehre Rousseaus, die im "Gesellschaftsvertrag" ausdrücklich formuliert wird, macht auch den dunklen Fond seines umfangreichen übrigen Werks aus. Wenn er beispielsweise sein berühmt gewordenes Erziehungsbuch "Émile" schreibt, so sind die vielen hundert Seiten allein darauf angelegt, einen Zögling in einer künstlichen Zone von Natürlichkeit heimisch zu machen.

          Der Gegensatz von Homme und Citoyen wird spürbar auch dort, wo von ihm nicht die Rede ist. Alles, was Rousseau gesagt hat, ist eine Antwort auf das ursprüngliche Dilemma, die Spannung von Natur und Gesellschaft, als Verhaltensideal gefasst. So verherrlicht Rousseaus erster Discours das politische Ideal und scheint eine Wiederbelebung der antiken Tugend für möglich zu halten, während sein zweiter Discours wenig später die Karte der Natur ausspielt, freilich im Interesse des politischen Ideals. Da aber alle Kompromisse zwischen den beiden Idealbildern ebenso unmöglich sind wie ein Überideal, in dem sie verschmelzen könnten, durchkreuzt der zweite Discours die Erwartungen, die der erste geweckt hatte.

          Rousseaus Werk gehörte in den vergangenen Jahrzehnten zweifellos zu den am intensivsten interpretierten Werken der Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts. Nachdem die These seiner "Schuld" an der Französischen Revolution - "c'est la faute à Rousseau" - in den Hintergrund getreten war und die Linie, die von ihm zu Marx führt, an Interesse verloren hatte, trat eine Interpretation hervor, die den Zusammenhang seiner Ideen in der Struktur seines Werks aufsuchte. Robert Spaemann stand mit seinem frühesten Aufsatz von 1962 bei diesem Orientierungswechsel sozusagen in vorderster Linie. Die sozialistische Aufhebung der Selbstentfremdung ist ihm als ein rousseausches Erbe noch geläufig, und Rousseaus Philosophie erscheint in den dramatischen Bewandtnissen seiner Lebensgeschichte als eine Vorform des existentialistischen Gestus.

          Was Rousseau für Robert Spaemann seinerzeit so anziehend machte, war die Entschiedenheit, mit der dieser das uneinholbare Novum des Christentums in der Alten Welt außer jeden Zweifel stellte und die Unvereinbarkeit in den Gestalten von Sokrates und Jesus hervorhob: der eine ein Mensch, der andre ein Gott. Rousseau hielt das Christentum für die schlechthin wahre Religion, die "Religion des Menschen", mit deren Auftreten alle Politik sich änderte, da nun die totale Entäußerung an die Gemeinschaft nicht mehr möglich war. Die politischen Institutionen trafen nun überall auf den Vorbehalt der christlichen Gemeinschaft der Gläubigen und ihres Halts im Jenseits. Seitdem kann es keine Identität des Citoyen mit der politischen Institution mehr geben. Diese Frage hat sich erledigt und in eine andere transformiert: Die einzige denkbare Identität des Menschen ist die mit sich selbst.

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