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: Unser Geschäft sei, der Welt beim Dasein zu helfen

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Von Harald Hartung Wer erinnert sich noch daran, dass Wilhelm Lehmann in den frühen Nachkriegsjahren als einer unserer führenden Lyriker galt? Dass er als Antipode Gottfried Benns gehandelt wurde? Dass Günter Eich, Karl Krolow oder Heinz Piontek bei ihm gelernt haben? 1968 war - symbolisch genug ...

          Von Harald Hartung Wer erinnert sich noch daran, dass Wilhelm Lehmann in den frühen Nachkriegsjahren als einer unserer führenden Lyriker galt? Dass er als Antipode Gottfried Benns gehandelt wurde? Dass Günter Eich, Karl Krolow oder Heinz Piontek bei ihm gelernt haben? 1968 war - symbolisch genug - Lehmanns Todesjahr. Nach 1968 wurde der Dichter vergessen; Brechts Verdikt gegen ein Gespräch über Bäume wirkte nach; Naturlyrik geriet unter Ideologieverdacht. Auch der Schub Öko-Lyrik in den Achtzigern holte Lehmann nicht zurück. Die grünen Poeten wussten nichts vom "Grünen Gott", den Loerke und Lehmann gefeiert hatten.

          Doch fast Vergessenes kann wiederkehren. Wilhelm Lehmann vertraute darauf, dass es keine neue Welt geben werde, wenn es keine alte gibt. Er reimte: "Verhängnis schreckt? Laß dich vernichten. / Die Söhne werden weiterdichten." Überraschenderweise gibt es diese Söhne wieder - und die Töchter dazu. Zum Beispiel Nico Bleutge und Marion Poschmann. Wenn sie Gedichte über Natur und Landschaft schreiben, empfinden sie sich durchaus nicht als Bewisperer von Moosen und Gräsern. Vielleicht kommt dieses neue Interesse auch dem Werk Lehmanns zugute.

          Die vor Jahren begonnene achtbändige Gesamtausgabe könnte die Basis dafür abgeben. Zunächst Lehmanns "Sämtliche Gedichte", die seit 1982 vorliegen. Aber auch sein eigentümlich widerständiges erzählerisches Werk, das nicht so eigenbrötlerisch und weltabgewandt ist, wie seine Verächter vermeinen. Die autobiographischen Schriften liegen vor. Nun nähert sich die Ausgabe ihrem Abschluss. Die Essays bringen einen zentralen Aspekt von Lehmanns Werk: seine Poetologie.

          Man muss es mit einigem Aplomb sagen: Der scheinbar provinzielle Studienrat aus Eckernförde war einer der wichtigsten Exponenten der lyrischen Moderne. Er gehört als Theoretiker in die Linie Poe, Valéry und Benn. Wer sich in den Nachkriegsjahren für Probleme der Lyrik interessierte, las Lehmanns "Entstehung eines Gedichts" noch vor Benns so folgenreicher Marburger Rede. Lehmann hatte diesen Aufsatz mitten im Krieg, nämlich 1943, veröffentlicht. Was an Lehmanns Nachschreibung einer Gedichtentstehung immer noch fasziniert, ist das Bestreben, seine poetische Schilderung möglichst nah an der Wirklichkeit zu halten. "Die Wahrheit", heißt es, "saß in der Wirklichkeit."

          Dieser Realismus ist wissenschaftlich unterfüttert - Lehmann kannte sich in der Biologie aus. Aber seine Poetik transzendiert den Biologismus so gut wie Benn - was die beiden über alle Unterschiede hinweg verband. Lehmanns großes Thema ist die schaffende und erschaffene Natur. Er vermag sie nicht ohne den Mythos zu denken. Zum Laub gehört ihm die Dryade - als ein Teil des ewig vorhandenen Laubes. So gibt es für ihn nicht bloß den ewigen Zusammenhang von Natur und Mythos, sondern auch den von Mythos und Sprache: Mythos als die "in das Gegenständliche oder rein Sinnliche versunkene Sprache selbst".

          Das sind geistige Zumutungen, die das gegenwärtig tolerierte Maß vermutlich überschreiten. Sie werden dadurch verstärkt, dass Lehmann die Welt - vor der Erfahrung der ökologischen Krise - als heil erfuhr. Sein Aufsatz "Kunst als Jubel der Materie" formuliert in der Frage bereits die These: "Welches ist das Geschäft der Welt? Da zu sein. Welches ist das Geschäft der Dichtung? Der Welt bei diesem Vorhaben zu helfen."

          Wer das für nicht mehr aktuell hält, greift zu kurz. Der Biologe und Mythopoet Lehmann ist zugleich ein Modernist. Er hat Pound und Valéry gelesen und mit T. S. Eliot korrespondiert. Er schreibt nicht bloß über Clemens Brentano und den vergessenen Theodor Wilhelm Danzel, sondern auch über Jules Renard, Paul Léautaud und - immer wieder! - über den Freund Oskar Loerke, der den Grünen Gott erfunden hat. Er sieht das moderne Gedicht unter dem Aspekt des Machens und der Machbarkeit und betont die Nähe von Gedicht und Kritik. Er räumt - wie Benn - mit der sentimentalen Vorstellung auf, Poesie sei das Produkt von Erlebnissen. Er rühmt die Angelsachsen dafür, dass sie Leute wie Eliot und Pound als Wohltäter sehen, während bei uns jeder, "der auf Genauigkeit der Syntax sieht, ,Schulmeister' genannt wird".

          Das sagte ein Schulmeister von Graden. Einer, von dem noch immer zu lernen ist. Etwa, wie viel Lyrik mit Erfahrung und Handwerk zu tun hat. Magie muss freilich hinzutreten. Die schönste Formel für Lehmanns Poetologie ist die wunderbare Zeile aus "Mond im Januar": "Ich spreche Mond. Da schwebt er." Das soll ihm einer nachmachen.

          - Wilhelm Lehmann: "Essays I". Herausgegeben von Wolfgang Menzel nach Vorarbeiten von Reinhard Tgahrt. Gesammelte Werke in acht Bänden. Band 6. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2006. 572 S., geb., 40,- [Euro].

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