https://www.faz.net/-gr3-ua5o

: Und ewig geistert die Obsession von der rassebedingten Krankheit herum

  • Aktualisiert am

1891 erschien im Ulk, einer Beilage zur Vossischen Zeitung, ein fiktionaler Bericht vom "1. Internationalen Bakterienkongreß". Angesichts der Entdeckungen Robert Kochs in den 1880er Jahren kamen die versammelten Mikroben zu dem Beschluss, "dass in den Kulturstaaten ferner nicht mehr ihres Bleibens ...

          1891 erschien im Ulk, einer Beilage zur Vossischen Zeitung, ein fiktionaler Bericht vom "1. Internationalen Bakterienkongreß". Angesichts der Entdeckungen Robert Kochs in den 1880er Jahren kamen die versammelten Mikroben zu dem Beschluss, "dass in den Kulturstaaten ferner nicht mehr ihres Bleibens sei; sie hätten daher beschlossen auszuwandern und hofften, in den Lungen und Gelenken des menschenähnlichen Affen Inner-Afrikas noch eine Zeitlang ihr Fortkommen zu finden". Was damals als Satire gedacht war, vermag uns heute angesichts der bitteren Realität kaum noch zu erheitern: Die großen Volksseuchen (vor allem die Tuberkulose), die man in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts in den Industriestaaten schon fast besiegt zu haben glaubte, sind als Folge von Migrationsströmen auch im Westen wieder auf dem Vormarsch. In Afrika sterben jedes Jahr mehrere Millionen Menschen an Malaria und Aids. Von einem Siegeszug, von dem die erste Generation der Bakteriologen um Robert Koch und Louis Pasteur träumte, kann im Rückblick keine Rede sein.

          Welche Gründe diese Entwicklung hat, darauf kann eine Geschichte der Bakteriologie eine Antwort geben. Allerdings ist diese lange Zeit aus der Fortschrittsperspektive geschrieben worden. Erst in den letzten drei Jahrzehnten hat sich eine neue Sichtweise die Bahn gebrochen. Die traditionelle Vorstellung einer Wissenschaft als einer sich allmählich entfaltenden, Erkenntnis um Erkenntnis anhäufenden, zielgerichteten Rationalität gilt als überholt. Man betont jetzt, dass Fehler und Irrtümer für die Entwicklung einer Wissenschaft ebenso wichtig sind wie Erfolge und Wahrheiten, die heute noch Bestand haben. Man weiß inzwischen um die Bedeutung von "Denkstilen" (Ludwik Fleck) für "Paradigmenwechsel" (Thomas S. Kuhn). Auch die Entstehungsbedingungen wissenschaftlicher Erkenntnis (Stichwort "Laboratory Life") sind inzwischen in den Blick geraten. Auf diese Weise wissen wir besser über die sozialen Interaktionen von Wissenschaftlern und über die realen Entstehungsprozesse wissenschaftlicher "Tatsachen" Bescheid.

          Die von einem Forschungsteam unter der Leitung des Zürcher Historikers Philipp Sarasin ausgesuchten wissenschaftshistorischen Beiträge umfassen einen Zeitraum von etwas mehr als fünfzig Jahren. Darunter sind auch Aufsätze, die inzwischen als Klassiker der Medizingeschichtsschreibung gelten, wie beispielsweise Owsei Temkins historische Analyse des Infektionsbegriffs aus dem Jahre 1951 oder Erwin H. Ackerknechts Studie zum Antikontagionismus zwischen 1821 und 1867 (zuerst erschienen 1948).

          Die Herausgeber gliedern diese "Wege der Forschung" (um hier an den Titel einer verdienstvollen Buchreihe der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft zu erinnern) in drei Kapitel. Das erste versammelt Beiträge, die bahnbrechend für die neue Sichtweise auf die Geschichte der Bakteriologie geworden sind. Die Aufsätze von Wissenschaftshistorikern wie Bruno Latour, J. Andrew Mendelssohn und Gerald G. Geison sind Beispiele dafür, wie die Bakteriologie entzaubert wird und ihre Helden (Koch, Yersin, Pasteur) wieder Bodenhaftung bekommen, indem unter anderem die Organisationsbedingungen von Forschung und die Vermarktungsinteressen von Wissenschaftlern beleuchtet werden.

          Ein zweiter Teil enthält Aufsätze, die die Instrumentalisierung einer Wissenschaft durch die Politik sichtbar machen. So versuchte die englische Regierung Robert Kochs Theorie des Cholerabazillus während der fünften Pandemiewelle zu Beginn der achtziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts, als es zu einem Seuchenausbruch in Ägypten kam, herunterzuspielen. Denn man sah Handelsinteressen berührt, und das ausgerechnet nach der Eröffnung des Suez-Kanals. Die Bakteriologen selbst bereiteten dieser Vereinnahmung durch die Politik, wie unter anderem Christoph Gradmann nachweist, den Boden, indem sie sich einer Metaphernsprache bedienten, die Bakterien als "unsichtbare Feinde" bezeichneten oder die Invasion der Mikroben mit Zuständen in den Kolonien verglichen. Aus der Rhetorik wurde im Dritten Reich mit Unterstützung des "wissenschaftlichen Rassismus" (Paul Weindling) schließlich brutale Realpolitik, die auf die Ausmerzung eines ganzen Volkes analog einer Schädlingsbekämpfung abzielte.

          Was diese Seuchenpolitik, die einen Zusammenhang von Rasse und Krankheit konstruierte, für die Betroffenen bedeutete, klingt in einigen Aufsätzen an, die im dritten Teil unter der Überschrift "Repräsentationen des Anderen" versammelt sind. Wie Warwick Anderson am Beispiel der Philippinen zeigt, förderten die Vorstellungen einer angeblich rassebedingten Anfälligkeit für Krankheiten die Obsession amerikanischer Tropenmediziner und legitimierten die Vernachlässigung der einheimischen Bevölkerung. Schließlich konnten Desinfektionsmaßnahmen sogar zum Auslöser blutiger Auseinandersetzungen werden, wovon die Geschichte der mexikanischen Zuwanderung in die Vereinigten Staaten Zeugnis ablegt. Ein erregendes Buch.

          ROBERT JÜTTE

          Philipp Sarasin, Silvia Berger, Marianne Hänseler und Myriam Spörri (Hrsg.): "Bakteriologie und Moderne". Studien zur Biopolitik des Unsichtbaren 1870-1920. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007. 529 S., br., 17,- [Euro].

          Weitere Themen

          Gut erfunden ist anders wahr

          Filmfestival von Locarno : Gut erfunden ist anders wahr

          Zwischen Spiel und Dokumentation, Hollywood, Lissabon und Nordafrika: Das Filmfestival von Locarno hat gezeigt, was ein breites Kunstspektrum im Kino heute bedeutet.

          Echte Kommissarinnen stehen zusammen

          „Tatort“ aus Dresden : Echte Kommissarinnen stehen zusammen

          Ein spektakuläres Verbrechen, ein Chef, dem die Nerven durchgehen, und zwei Ermittlerinnen mit Durchblick: Das neue Team des „Tatorts“ aus Dresden wird sich so rasant einig, dass man nur staunen kann.

          Topmeldungen

          Roboter und Algorithmen übernehmen immer mehr unserer Arbeit, deswegen muss sich auch die Art der Altersversorgung ändern.

          Die DigiRente : Neue Altersvorsorge für die digitale Ära

          Wie die Menschen beim Einkaufen zu Anteilseignern digitaler Maschinen und Algorithmen werden und damit sinnvoll Altersvorsorge betreiben und Vermögen bilden können. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.