https://www.faz.net/-gr3-veoy

: Und bist du nicht willig

  • Aktualisiert am

Was im Leben abstößt, vermag in der Kunst zu erfreuen. Wie bereits Aristoteles ausführt, gehört die Fähigkeit, das Schreckliche genießbar zu machen, zum Wesen der "Nachahmung". Dem "Gewaltsamen" im Weimarer Klassizismus hat Martin Dönike eine vielbeachtete Dissertation gewidmet, die nun im Druck vorliegt.Die ...

          3 Min.

          Was im Leben abstößt, vermag in der Kunst zu erfreuen. Wie bereits Aristoteles ausführt, gehört die Fähigkeit, das Schreckliche genießbar zu machen, zum Wesen der "Nachahmung". Dem "Gewaltsamen" im Weimarer Klassizismus hat Martin Dönike eine vielbeachtete Dissertation gewidmet, die nun im Druck vorliegt.

          Die Frage nach dem Gewaltpotential des "Klassischen" verweist den Leser auf die komplexe Geschichte der europäischen Klassizismen, deren gemeinsamer Bezugsrahmen, das Altertum, weder in sich einheitlich war noch Einheitlichkeit in der Nachfolge erzeugt hat. Historische und stiltypologische Inkohärenz war ein wesentliches Merkmal des frühneuzeitlichen Kanons antiker Vorbilder. Die Antike lieferte das Vokabular für die akademische Ausdruckslehre und für die gegenläufige Bewegung der Schwulstkritik. Die homogene (Re-)Konstruktion von "Klassik" ist ein historisch relativ spätes Phänomen.

          1755 fasst Winckelmann das Griechentum auf schmaler Denkmälerbasis in die plakative Formel "Edle Einfalt und stille Größe", die bald zum Klischee gerinnt. Wie am Beispiel Laokoons deutlich wird, ist die Größe des Leidens ein Maß für die Größe der Seele, die diesem Leiden standhält. Schiller greift das später im Konzept des "Pathetisch-Erhabenen" auf. Die unmittelbar zeitgenössische Rezeption leistet jedoch der Verwechslung von Affektbeherrschung mit Affektarmut Vorschub. Vor allem durch Lessing und Mengs wird ein formal beruhigter Klassizismus popularisiert, der maßgeblich auf Schönheit, nicht auf Ausdruck zielt. Diese Spielart des Klassizismus, deren blutleerer Charme sprichwörtlich ist, hat sich am Ende des achtzehnten Jahrhunderts überlebt.

          Dönike konzentriert sich ganz auf den für die Klassizismusgeschichte zentralen, aber zu wenig bekannten Transformationsprozess, den er als Wiederkehr des verdrängten "Gewaltsamen" beschreibt: Alois Hirt, der Ex-Cicerone, erhebt 1797 das Charakteristische zum Kunstprinzip und stellt den Frühklassizismus anhand seiner kanonischen Exempla auf den Kopf: In antithetischen Neuinterpretationen verhilft er dem oftmals grausamen Stoff gegenüber den anmutigen Formen zu seinem Recht. So mutiert Laokoon vom Tugendhelden zum Schmerzensmann. Als Negation eines verkürzten Winckelmann-Bildes ist Hirts Kontrafaktur selbst a priori limitiert. Ihre Sprengkraft gewinnt sie aus dem methodischen Credo, das sich auch Dönike für seine Arbeit zu eigen gemacht hat. Beide nehmen die Rhetorik der Autopsie wörtlich und messen die Theorie an ihrer vorgeblichen Materialbasis.

          Das Kernstück der Arbeit besteht aus einem 200 Seiten langen Kapitel über die weimarischen Kunstfreunde, in dem gezeigt werden soll, wie das "Gewaltsame" Goethe, Meyer und Schiller bei der kritischen Revision ihres Klassizismus angetrieben hat. Gegen die Faktizität der von Hirt aufgezählten grausamen Gegenstände der antiken Kunst war kein Einspruch möglich, wohl aber gegen die Austreibung des Schönen aus der Kunsttheorie und gegen die Aufhebung der ästhetischen Differenz, die das Werk vom Leben scheidet. Dönike zeichnet nach, wie das "Gewaltsame" in ein Kunstprogramm integriert wird, dessen Leitbild ein durch das Charakteristische hindurchgegangenes und dadurch vor Entleerung abgesichertes Schönes ist.

          Anhand eines Niobidensarkophags, auf dem Leichen zu einem ornamentalen Fries arrangiert sind, lässt sich das Problem zuspitzen: Die Aufhebung des "Gewaltsamen" in der Form ist einerseits provozierend, andererseits erzeugt die Unterwerfung des Schreckens unter innerbildliche Kriterien wie Maß und Symmetrie ästhetische Befriedigung. Dönike erkennt in dieser Denkfigur nicht die Macht der Kunst, sondern die der Gewalt, der man sich nur durch zynischen Formalismus entziehen kann. Der Konflikt von Sujet und "Behandlung" hat hier eine grundsätzliche Dimension.

          In seinem letzten Kapitel widmet sich Dönike den beiden 1806 erschienenen Künstlerviten Fernows. Sie belegen unfreiwillig den Bruch, der die klassizistische Theorie seit Anfang des neunzehnten Jahrhunderts von der vitalen Kunstpraxis trennt. Fernow muss sowohl Carstens' als auch Canovas OEuvre massiv umdeuten, um es zur Illustration seiner Thesen tauglich zu machen. Canova erhebt dagegen Einspruch, indem er sich, wie einst Hirt, auf die Autorität der antiken Meister beruft und Fernow beschuldigt, bei "bewegten" Darstellungen mit zweierlei Maß zu messen.

          Die binäre Topik von "Ruhe" und "Bewegung", die sich, ausgehend von den behandelten Autoren, auch auf Dönikes Text überträgt, hat weder vor der antiken noch vor der zeitgenössischen Kunst Bestand. Am Ende triumphiert die Vielfalt der Praxis über die Systemzwänge einer zwar prominenten, aber nur begrenzt gültigen Form der Theorie.

          Gewalt ist Teil des Lebens und kann nicht per Dekret aus der Kunst verbannt werden, das zeigt die vorliegende Studie eindrucksvoll. Was künstlerische "Behandlung" aus der "rohen" Gewalt machen kann und darf, wird immer eine Streitfrage der Ästhetik bleiben.

          Im Anschluss an Martin Dönikes Arbeit öffnet sich der Forschung ein weites Feld, vor allem hinsichtlich der begrifflichen Differenzierung der leitenden Termini wie Pathos, Ausdruck, Bewegung, die keine Synonyme sind, und der Berücksichtigung weiterer kulturgeschichtlicher Kontexte: Das Interesse an der historischen griechischen Klassik, das die Debatte um die Elgin Marbles kennzeichnet, lässt sich mit der Semantik des "Gewaltsamen" nicht mehr hinreichend erklären.

          CHRISTOPH SCHMÄLZLE

          Martin Dönike: "Pathos, Ausdruck und Bewegung". Zur Ästhetik des Weimarer Klassizismus 1796-1806. Verlag Walter de Gruyter, Berlin 2006. 430 S., Abb., geb., 108,- [Euro].

          Weitere Themen

          „Solos“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Solos“

          „Solos“ läuft bei Amazon Prime Video

          Im dunklen Dickicht

          Spielplanänderung – Folge 7 : Im dunklen Dickicht

          „Der Stärkere“ zeigt das zerstörerische Vermögen der Liebe: In der zweiten Folge der Video-Theaterserie geht es um die seelischen Abgründe in der Beziehung zwischen Mann und Frau.

          Topmeldungen

          Weiter keine Einreise für Individualtouristen: Israels Ministerpräsident Naftali Bennett kündigte dies am Dienstag auf einer Pressekonferenz am Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv an.

          Delta-Variante verbreitet sich : Geimpfte in Israel neu infiziert

          Israel sorgt sich wegen der Ausbreitung der Delta-Variante des Coronavirus. Weil auch Geimpfte neu infiziert wurden, nimmt das Land Lockerungen zurück und lässt Individualtouristen vorerst nicht einreisen.

          Alle außer München : Kunterbunte Fußballstadien

          Ein Fest für Beleuchter: Ob Berliner Olympiastadion, Frankfurter Waldstadion oder Kölner, Augsburger und Wolfsburger Erstliga-Arenen: Sie alle erstrahlten stellvertretend für München in Regenbogenfarben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.