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: Und alles wurde gut, als der Mensch auf den Kurzhaardackel kam

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Andere Teile des Buchs beschäftigen sich mit Verhaltenstherapie bei Konflikten zwischen Mensch und Hund oder Hund und Hund. Therapiert werden im Idealfall die, die es am nötigsten haben, und das müssen nicht immer die Hunde sein. Die Autorin verdient ihre Brötchen (und die Hundekuchen ihrer Mitbewohner) zumindest teilweise als eine solche Therapeutin. In den Vereinigten Staaten, wo der Psychoanalytiker so selbstverständlich ist wie der Zahnarzt - wenn man denn die nötigen Kreditkarten besitzt -, hat man zu derartigen, die Gattungen Hund und Mensch übergreifenden Therapieformen vielleicht ein besonders unverkrampftes Verhältnis. Die meisten Hunde sind wenig problematisch, sonst wären sie ja als Hausgenossen nicht so beliebt, aber manchmal treten doch unvorhergesehene Schwierigkeiten auf. Im Extremfall muss man dann wirklich zu verhindern versuchen, dass der Rottweiler irgendwann jemanden totbeißt. Besser also gleich den Kurzhaardackel kaufen, frisch von Züchters Tisch.

Die Autorin zeigt anhand von vielen Fallbeispielen, was alles schiefgehen kann und wo die Ursachen liegen oder liegen könnten. Dabei vermeidet sie monokausales Denken. Elsas Verhalten wird wie das unsere durch das Zusammenspiel von Vererbung und Erziehung festgelegt. Die Gene legen Grenzen fest, die auch mit größter Mühe nicht überschritten werden können. Es gibt zum Beispiel Hunde, die einfach nicht mit kleinen Kindern zurechtkommen. So ein Tier muss man dann weggeben, wenn der Nachwuchs da ist, das geht nicht anders.

Eine richtig schöne Lektüre sind diese Geschichten von erfolgreichen oder auch erfolglosen Therapien leider nicht. Wenn ich mich für die Psychologie von Hunden interessiere, dann kann ich zwar einiges dadurch lernen, dass ich Hunde mit einem gefährlichen Dachschaden vorgeführt bekomme; doch noch lieber würde ich nette Geschichten lesen, in denen Elsa allenfalls einmal den Briefträger anknurrt.

Die Autorin beschäftigt sich aber auch mit dem Hund an sich, ohne dass man dabei zwangsläufig mit gestörten Tieren konfrontiert wird. Das sind die schönsten Teile des Buchs. Im letzten Kapitel geht es ihr weniger um das Fühlen als um das Denken der Hunde, wenn man das überhaupt so genau trennen kann. Hier setzt sie sozusagen ihre zwei Doktorhüte - für Biologie und Psychologie - auf und doziert über aktuelle Forschungen. Dabei unterschlägt sie auch den Kurzhaardackel nicht.

Es scheint leider noch einen gewissen Mangel an Untersuchungen mit Hunden zu geben. Aber das macht nichts. Bei Tieren ist es ein Indiz für Intelligenz, wenn sie ihre Artgenossen manchmal reinlegen können. Schimpansen sind solche geborenen Gauner, aber auch Hunde haben etwas von diesem Talent. Auch McConnell mogelt ein wenig. Wenn etwas bei den Hunden noch nicht erforscht ist, dann berichtet sie einfach über andere Tiere wie Polarfüchse, Delphine, Graupapageien oder Menschen. Man kann ja hoffen, dass sich die Hunde ähnlich verhalten.

Vielleicht sind das nicht alles knallharte wissenschaftliche Beweise, aber insgesamt entsteht doch ein stimmiges Bild. Hunde unterscheiden sich von uns mehr quantitativ als qualitativ. Sie haben eine Art Bewusstsein, sie zeigen Ansätze zum abstrakten Denken und sie kennen auch Emotionen wie Trauer, Eifersucht und Mitleid. Das ist natürlich genau das, was der Dackelbesitzer lesen will, aber es muss ja deshalb nicht falsch sein.

ERNST HORST

Patricia B. McConnell: "Liebst du mich auch?" Die Gefühlswelt bei Mensch und Hund. Kynos Verlag, Mürlenbach 2007. 364 S., Abb., geb., 19,90 [Euro].

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