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: Um jeden Virenhort eine Verschwörung

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Die Schlagzeilen über drohende Epidemien reißen nicht ab. 2001 war es Anthrax, das den Westen in Atem hielt; darauf die Pocken und ihr möglicher Einsatz als biochemische Waffe; seit Februar 2003 ist es Sars. Kehrt hier ein Seuchenzeitalter wieder?Zwei Bücher haben das aktuelle Geschehen zum Anlaß ...

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          Die Schlagzeilen über drohende Epidemien reißen nicht ab. 2001 war es Anthrax, das den Westen in Atem hielt; darauf die Pocken und ihr möglicher Einsatz als biochemische Waffe; seit Februar 2003 ist es Sars. Kehrt hier ein Seuchenzeitalter wieder?

          Zwei Bücher haben das aktuelle Geschehen zum Anlaß ihres Erscheinens genommen. Die Herangehensweisen könnten jedoch nicht unterschiedlicher sein. "Expeditionen ins Reich der Seuchen" widmet sich der Seuchenbekämpfung in den deutschen Kolonien von 1884 bis 1914. Es geht um Robert Koch, die Tropenmedizin, Ärzte des Militärs und Patienten, die vornehmlich aus den Reihen der Kolonialvölker stammen. Die Autoren: Johannes Grüntzig ist Mediziner, Heinz Mehlhorn Parasitologe.

          In dem Sammelband "Virus!" dagegen beschränkt man sich nicht historisch. Der in den Aufsätzen dieses Buches behandelte Stoff reicht bis ins Mittelalter zurück. Zugleich wird das gesamte Begriffsspektrum in Angriff genommen, vom Computervirus bis hin zum HI-Virus. Den Hintergrund bildet die Frage, wie das Virus zu einem Schlüsselbegriff in Medizin, Politik, Technik und Kultur werden konnte.

          Grüntzig und Mehlhorn, die beiden Autoren des erstgenannten Buchs, haben sich entschieden, ein Werk über die Stärken der Medizin und der Seuchenbekämpfung zu schreiben. Warum auch nicht, mag man zunächst denken. Die Erfolge auf diesem Gebiet - etwa die weltweite Ausrottung der Pocken seit 1980 - sind unbestritten und zum Teil sensationell. Die Gelder, die in die Seuchenforschung investiert werden, sprechen für die Hoffnung, an diese Fortschrittsgeschichte anknüpfen zu können. Bereits hier krankt jedoch das Buch. Die Autoren schreiben gegen ein eingebildetes Komplott. Ihrer Ansicht nach wurden die Leistungen der deutschen Tropenmedizin bisher zu wenig gewürdigt.

          Die Kritik am Kolonialismus habe aus den Seuchenpionieren, die unter Einsatz ihres Lebens Forschung betrieben, "Handlanger des Kolonialimperialismus" gemacht. Wirklich? Wem fällt diese Titulierung etwa zu Robert Koch ein, der zahlreiche Forschungsexpeditionen in den Kolonien unternahm? Die meisten kennen Koch als Nobelpreisträger, Entdecker des Tuberkuloseerregers und Namensgeber für ein weltweit renommiertes Institut. Zugleich wird man hier vor falsche Alternativen gestellt. Forschung kann erstklassig sein und die politische Motivation mehr als zweifelhaft. Sich als Historiker für die Helden- oder Handlangergeschichte entscheiden zu wollen ist daher Unfug.

          Die Empfindsamkeit, mit der man die unzureichende Würdigung einsatzbereiter deutscher Tropenmediziner bemängelt, wird anderen resolut verweigert. Wo nicht das Leben von Stabsärzten auf dem Spiel steht, gibt man sich großzügig. Die Verbrechen an den Kolonialvölkern möchte man nicht behandeln. Dafür gibt es einen eigenartigen Grund: "Leider taugen unsere heutigen Erkenntnisse und Wertmaßstäbe wenig zur Beurteilung der damaligen Verhältnisse", heißt es. "Alle Kolonialmächte glaubten rechtmäßig zu handeln und wußten die öffentliche Meinung hinter sich."

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