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: Um jeden Virenhort eine Verschwörung

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Während Grüntzig und Mehlhorn Afrika und Asien als "Reich der Seuchen" titulieren, macht der Molekularbiologe und Historiker Erhard Geißler auf die Geschichte Europas als Virenhort aufmerksam. So waren es die Europäer, die Viren zuerst als biologische Kampfmittel einsetzten, 1763, als britische Invasoren zwei Indianerstämmen mit Pocken verseuchte Decken und Taschentücher überreichten. Die als Gastgeschenk getarnten tödlichen Virenträger stammten aus einem Pockenhospital. Mehr als die Hälfte der Indianer starben. Zuvor hatten die aus Europa in die neue Welt eingeschleppten Seuchen bereits die Inka und Azteken vernichtet. 1763 handelte es sich jedoch um den ersten überlieferten Fall, in dem Viren bewußt zur Kriegführung eingesetzt wurden, eine Taktik, die fortan Geschichte schreiben sollte. Wie Geißler ausführt, kreuzt sich die Geschichte biologischer Kampfmittel mit der des Gerüchts. Kaum ein Virus, um das sich nicht eine Verschwörungstheorie rankt.

Das Kalkül, das hinter der Anschuldigung steckt, eine Krankheit eingeschleppt zu haben, zeichnet Martin Dinges historisch nach. Daß Epidemien von außen in eine Gemeinschaft kommen, ist unstrittig. Welche Gruppe allerdings als Schleuser identifiziert wird, folgt politischen Mustern: die Protestanten verdächtigen die Katholiken, die Deutschen die Franzosen, das Militär die fremdländischen Söldner, die Christen die Juden.

Der Historiker Philipp Sarasin hat dieses Motiv in seinem Buch "Anthrax. Bioterror als Phantasma", das sich in Kurzfassung in dem Sammelband findet, auf das Medienspektakel um die Milzbrandbriefe von 2001 in den Vereinigten Staaten bezogen. Die berechtigte Frage, die Sarasins Untersuchung leitet, lautet: Wann wird ein Erreger zur Epidemie? Nach Sarasin lassen sich die Medien als eine Art erweiterter Wirt beschreiben. Grassiert ein Erreger dort, wird er zur Seuche. Die im Juni 2001 von der WHO gemeldeten zwei Dutzend Fälle von Hautmilzbrand in der östlichen Türkei etwa, über die wenig berichtet wurde, galten nicht als Beginn einer Seuche. Die fünf Milzbrandbriefe in Amerika dagegen, die nicht umsonst an Medienschaffende und Politiker gerichtet waren, lösten Epidemiewarnungen aus. Die Behauptung, der Irak sei im Besitz biologischer Waffen, diente schließlich zur Kriegslegitimierung. Den Beweis ist die Regierung Bush schuldig geblieben. Von der angeblichen Seuchengefahr blieb nur die Instrumentalisierung der Angst.

In einem glänzenden und mit dem Pulitzer-Preis gekrönten Beitrag untersucht schließlich der amerikanische Journalist Mark Schoofs die Ausbreitung des HI-Virus in Südafrika. Als erweiterten Wirt beschreibt er die Arbeits- und Lebensbedingungen der Goldminenarbeiter. Südafrika besitzt die größten Förderstätten der Welt. Schoofs deckt die wirtschaftlichen, politischen und technologischen Verhältnisse auf, die zur explosionsartigen Ausbreitung von Aids unter den Arbeitern führten und weiter führen. Am Ende steht die Einsicht, daß ein Virus nie allein der Erreger einer Epidemie ist.

Die Geschichte zeigt, daß es bei Seuchen und der Angst davor nicht nur Verlierer sondern auch Gewinner gibt: Arbeitgeber, denen die Gewinnmaximierung mehr Wert ist als die Gesundheit ihrer Arbeiter; Mediziner, die im Namen der Forschung Menschenexperimente durchführen; Pharmakonzerne, die ihre Mittel absetzen wollen; Staaten, die Viren als Waffe einsetzen oder infolge der Unterstellung, andere seien bereit dazu, Völkerrecht brechen. Zur Aufklärung gehört daher die Frage nach den möglichen Profiteuren. Die Antwort darauf kann auch Seuchen abwenden.

Johannes W. Grüntzig, Heinz Mehlhorn: "Expeditionen ins Reich der Seuchen". Medizinische Himmelfahrtskommandos der deutschen Kaiser- und Kolonialzeit. Elsevier/Spektrum Akademischer Verlag, München 2005. 379 S., 126 Farb- u. 176 S/W-Abb., geb., 28,- [Euro].

Ruth Mayer, Brigitte Weingart (Hrsg.): "Virus!" Mutationen einer Metapher. Transcript Verlag, Bielefeld 2004. 316 S., Abb., br., 26,- [Euro].

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