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: Überall ist es schön, wo er ist: Christian Kracht bereist die Oberfläche der östlichen Welt

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Christian Kracht läßt in den Text "Et in Arcadia ego", mit dem er sein Buch "New Wave" eröffnet, ein Mantra einfließen: "Djibouti ist der teuerste Staat der Welt - nach Japan." Diese von allen Gesprächspartnern Krachts in Djibouti wiederholte Feststellung sorgt dafür, daß man als Leser von Anfang ...

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          Christian Kracht läßt in den Text "Et in Arcadia ego", mit dem er sein Buch "New Wave" eröffnet, ein Mantra einfließen: "Djibouti ist der teuerste Staat der Welt - nach Japan." Diese von allen Gesprächspartnern Krachts in Djibouti wiederholte Feststellung sorgt dafür, daß man als Leser von Anfang an den Charakter der in "New Wave" versammelten Texte hinterfragt: Zeugt die monontone Bemerkung von Hybris der Gewährsleute? Oder hat Kracht sie sich selbst ausgedacht?

          "Ein Besuch in Djibouti" ist der Text untertitelt, und das läßt bewußt offen, ob es sich dabei um eine Reportage oder eine Erzählung handelt - wobei man Kracht zugute halten muß, daß es in seinem Buch auch einige explizit als Erzählungen ausgewiesene Texte gibt. Bei "Et in Arcadia ego" aber, dem schönsten Stück von "New Wave", ist die reale Reise derart mit delirierenden Passagen verflochten, daß man schon auf der zweiten Seite einen Bruch im Wirklichkeitsgefüge vermuten darf. Dort wird vom nachmittäglichen Kat-Genuß in Djibouti berichtet, und die narkotisierende Wirkung dieser Blätter mag den Rahmen vorgegeben haben für das Folgende, das wie das große Panoptikum eines kleinen Landes inszeniert wird, in dem Kracht eine großkopferte Bundeswehrtruppe mit kleinkarierten Vorstellungen vorfindet. Aber das schiene ihm gewiß schon zuviel Interpretation.

          Kracht ist immer dann grandios, wenn er es auf die Ununterscheidbarkeit von Reisebericht und Imagination anlegt. In einem als "Besuch in der Mongolei" ausgewiesenen Aufsatz - in dem von nichts anderem erzählt wird als von dem unbezähmbaren Wunsch des Autors zu reisen, und sei es auch noch dem größten Phantasma hinterher - wird Kracht zwar nach Strich und Faden von den Mongolen betrogen; doch er revanchiert sich mit seinem Porträt ihres Landes. In dem nach bayerischem Vorbild gestalteten Biergarten "Khan Bräu" in Ulan Bator, so erzählt er, "saßen Mongolen vor Maßkrügen schäumenden Biers und sprachen in ihrer konsonantenreichen, wohlklingenden Sprache abwechselnd in Mobiltelefone und mit ihren Tischnachbarn". Es gibt also nichts, was uns diese Mongolen Besonderes zu bieten hätten. Das ist die subtile Rache von Kracht: Wo sämtliche anderen Mongolei-Reiseberichte sich in Staunen ergehen über Passanten an den Straßen, die ihre Mobiltelefone hochhalten und sich den Autofahrern als lebendige Telefonzellen anbieten, da zerstört er gerade diesen Topos der Berichterstattung und läßt dem Land kaum einen Rest an Exotik.

          Man begleitet Kracht auf Reisen nach Afghanistan, Paraguay, Ägypten oder Vanuatu, und immer erweckt die narrative Ruhe, die selbst im Moment der Beschreibung von höchst Skurrilem herrscht, den Eindruck eines englischen Kolonialoffiziers, der im Schrankkoffer alles mit sich trägt, was im Ernstfall ein Mindestmaß an Zivilisation garantiert. Kracht bleibt in der Fremde fremd und dennoch sympathetisch, und das macht die Intensität seines Blicks aus, der gemeinhin weder von Skurrilitäten noch vom Tourismus getrübt ist.

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