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Über Karl Kraus : Der Überforderer

Karl Kraus, um 1925 Bild: IMAGNO/Wienbibliothek im Rathaus

Ein Autor, von dem man nicht nur einzelne Zitate kennen sollte: Richard Schuberths lesenswerte Einladung zur Lektüre von Karl Kraus liegt in einer erweiterten Fassung wieder vor.

          3 Min.

          Karl Kraus ist ein anstrengender Autor. Man ist sie nicht gewohnt, solche Dichte der Gedanken- und Spracharbeit. Weil man Autoren kaum gewohnt ist, bei denen dieses unscheinbare „und“, das Gedanken und Sprache verknüpft, sich gänzlich erübrigt. Daher die Gnadenlosigkeit, die seiner Prosa eignet. Sie enerviert die einen, sofern sie ihr überhaupt folgen können, während sie die anderen, bei denen das auch nicht immer sicher war, von jeher in Gefahr brachte, in Adorationsstarre zu verfallen. Kraus, das ist eine Überforderung, und dass die „Letzten Tage der Menschheit“, fürs Marstheater gedacht, noch als deren Ermäßigung gelten können, wirft Licht auf ihren Charakter.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Der bisher letzte Versuch, in Buchform mit dieser Überforderung bekannt zu machen, erschien vor zwei Jahren. Adressiert eigentlich an ein amerikanisches Publikum, kam Jonathan Franzens „Kraus-Projekt“ damals auch in einer deutschen Ausgabe heraus: zwei hervorstechende Essays von Kraus samt Anmerkungen, die abseits von Texterläuterungen die Aktualität des Autors Kraus ins Licht rücken wollten. Bei Franzens Verfahren, Kraus als Patenfigur einer Kritik von Internetkultur und politisch-wirtschaftlich gesteuertem Journalismus zu präsentieren, ging der überfordernde Autor Kraus allerdings eher verloren. Nicht, weil Franzen Kraus für die falschen Kritikpunkte in Anspruch nahm, sondern weil er ihn überhaupt zum Gewährsmann einer nicht weiter aufregenden, linksliberal getönten Kritik machen wollte.

          Hass auf die bürgerliche Gesellschaft

          Da ist Richard Schuberth, dessen „30 Anstiftungen“ zur Lektüre von Kraus nun in einer erweiterten neuen Ausgabe wieder greifbar werden, schon ein anderes Kaliber. Der Wiener Essayist und Dramatiker beschneidet seinen Autor nicht, zeigt ihn als den unbedingten und produktiven Hasser der bürgerlichen Gesellschaft, der tiefer zielte, als es vernünftige politische Parteinahme gelten lassen kann, und deshalb auch die Absicht unterläuft, ihn zwischen links und rechts - zu Kraus‘ Lebzeiten hieß das auch noch: revolutionär oder reaktionär - einzuordnen oder aufzuteilen. Schuberth hat einen genaueren Sinn als der brave Jonathan Franzen dafür, was es mit der Aktualität von Kraus auf sich hat: weshalb er es gerade nicht darauf anlegt, sie in plausibler Anwendung auf gegenwärtige Verhältnisse zu erweisen, weil das Kraus’ Verfahrensweisen, seine Kunst, doch nur unterböte.

          Obwohl man hinzufügen muss, dass auch Schuberth es in seinen dreißig knapp gehaltenen Kapiteln, die sich einzelnen Themen widmen - Nestroy, Wien, Frauen, Sexualität, Justiz, Krieg, Psychoanalyse, Sozialismus, Austrofaschismus, Nationalsozialismus . . . -, hin und wieder nicht lassen kann zu spekulieren, was Kraus wohl zu diesem oder jenem Phänomen unserer Gegenwart gesagt hätte. Er möchte die Lektüre von Kraus insbesondere der Linken empfehlen, wen immer er damit konkret meint. Das ist von keiner besonderen Bedeutung für die Darstellung, sondern hängt mit den Widerständen der Sozialdemokratie zusammen, die Kraus nicht verzieh, dass er sie nach Jahren der Annäherung schließlich mit erbarmungslosem Spott überzog und sich zu Dollfuß als letzte Rettung vor Hitler bekannte. Mit der Folge, dass auf Parteilinie - und über sie hinaus - bis heute gerne so getan wird, als wäre Kraus’ Wort, ihm falle zu Hitler nichts ein, die Abdankung eines ehemaligen „Kampfgenossen“, der als Reaktionär endete. Dazu sagt Schuberth, was bezeichnenderweise zu sagen immer noch und immer wieder notwendig scheint.

          Kraus-Kritik als Ausgangspunkt

          Das Verfahren, für seine schnellen Vorstöße ins Werk von Kraus nicht zuletzt Einwände und Vorhaltungen zum Ausgangspunkt zu nehmen, die gegen Kraus in Stellung gebracht wurden und werden, ist gut gewählt. Neben dem Reaktionär geht es also etwa auch um den Sexisten, den eitlen Selbstdarsteller, den jüdischen Selbsthasser - und Schuberth weiß durchweg bündig Bescheid zu geben, auch mit einer gut bemessenen Dosis von Kraus im Wortlaut. An beachtlichem stilistischen Schliff und polemischer Verve mangelt es ihm dabei nicht. Das geht zwar nicht durchweg immer gut, aber Risiken gehören zum entschiedenen Einsatz; und wer das Phänomen Kraus begreifbar machen will, kommt ohne Attacken auf gegenwärtige Formate von Satire, Witz oder Stilkritik wohl wirklich kaum aus.

          Der eingangs genannte Jonathan Franzen und sein Assistent Daniel Kehlmann tauchen bei Schuberth übrigens auf als „Literatur-Pin-ups“, die Selfies von sich bei der Suche nach der Aussage von Kraus’ Heine-Essay vermarkten. Kein schlechter Stich. Dafür ist zwei Absätze weiter fast schon als Schlusswort zu lesen, dass die Wegstrecke, die uns von Kraus’ Verständnis trennt, „uns zufällig auch von unserer geistigen Befreiung“ trennt. Da überdreht die Rhetorik. Was aber nichts an der Einschätzung ändert: An Richard Schuberths Essay sollten Kraus-Leser aller Grade, also auch diejenigen, die das eine oder andere Zitat daran denken lässt, es mit diesem Autor einmal versuchen zu wollen, nicht vorbeigehen.

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