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Buch über Schreibschriften : Mit Griffeln, Federn und Stiften

  • -Aktualisiert am

Vom Blatt Papier in den Kopf: ein Grundschüler schreibt Wörter in ein Heft. Bild: dpa

Lena Zeise gibt in ihrer lesenswerten Kulturgeschichte nicht nur einen Überblick zu Geschichte und Gegenwart der Schreibschriften. Sie erklärt auch das Verhältnis zwischen dem Fluss der Laute, dem Bau der Wörter und den Schriftzeichen.

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          Eine niederländische Kontorszene, gezeichnet 1885: Hagere, bebrillte Gestalten in Kitteln beugen sich über die Stehpulte, man hört ihre Federn förmlich über das Papier kratzen. Das Bild aus Lena Zeises Buch über die Geschichte und Gegenwart der Schreibschriften heißt „De Pennelikkers“. Das Wort, das es auch im Plattdeutschen gibt, findet sich im Grimmschen Wörterbuch als „Federlecker“ verzeichnet. Es gehört wie „Tintenkleckser“, „Federfuchser“ oder „Blackscheißer“ in die Reihe der Schimpfwörter, mit denen einst der Beruf des Schreibens verunglimpft wurde. Sie gehören ebenso der Vergangenheit an wie das Schreiben als Handwerk mit seinen Federkielen, Tintenfässern und Streusandbüchsen.

          Als Kulturtechnik wird die Handschrift zwar immer noch gelehrt und praktiziert. Doch als Selbstverständlichkeit gilt auch das nicht mehr. Pädagogen, Politiker und Digital-Lobbyisten stellen ihre schulische Notwendigkeit zunehmend in Frage. Einzuüben, wie man Buchstaben eigenhändig zu Papier bringt und dort zu Wörtern verbindet, erscheint angesichts der Allgegenwart digitaler Tastaturen als unnötige Zeitverschwendung. Dass das eine Fehleinschätzung ist, weil das Schreiben von Hand eine zivilisatorische Errungenschaft darstellt, die auch in den Zeiten von Computer und Smartphone eine fundamentale Bedeutung hat, macht Lena Zeise deutlich.

          Drei Finger schreiben, der ganze Leib leidet

          Ihr lebendig und laienfreundlich geschriebenes Buch konzentriert sich auf die Schreibschriften des lateinischen Alphabets. Es spannt einen weiten Bogen, der kulturgeschichtliche und handwerkliche, politische, pädagogische, psychomotorische und ästhetische Aspekte umfasst. Als Grafikerin mit einem Blick für die visuellen Qualitäten des Themas hat die Autorin eine Fülle schöner und informativer Abbildungen zusammengetragen: Schriftproben, Prachturkunden, Seiten aus Schulheften und Poesiealben, historische Darstellungen unterschiedlicher Schreibsituationen machen diese Schriftgeschichte auch zu einem ästhetischen Vergnügen. Selbst gezeichnet hat Lena Zeise eine Reihe von Schreibutensilien. Anschaulich werden Herstellung und Handhabung von Griffeln, Federn und Stiften, von Papyrus und Pergament, Tinten und Tintenfässern, Wachs- und Schiefertafeln geschildert.

          Lena Zeise: „Schreibschriften. Eine illustrierte Kulturgeschichte“, Haupt Verlag, Bern 2020. 208 S., Abb. geb., 36,– €.

          Viel Raum erhält die verzweigte Geschichte der Schriftarten und Schreibtechniken, wobei immer wieder deutlich wird, welch harte Arbeit dahintersteckte: „Drei Finger schreiben, der ganze Leib leidet“, seufzt der Mönch im mittelalterlichen Skriptorium, der den Arm nicht aufstützen darf, damit das Pergament nicht verschmutzt. Dass Gutenbergs Drucktechnik mit beweglichen Metalllettern um 1450 das handschriftliche Kopieren von Büchern „fast über Nacht“ überflüssig machte, trifft allerdings nicht zu. Noch jahrzehntelang waren solche in Manufakturen erstellten Kopien billiger als gedruckte Bücher, die zunächst als teure Luxus-artikel auf den Markt kamen.

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