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Buch über Schreibschriften : Mit Griffeln, Federn und Stiften

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Ausführlich widmet sich die Autorin der „deutschen“ und der „lateinischen“ Schrift. Dabei behandelt sie neben der Schreibschrift auch die historisch und kulturpolitisch mit ihr verknüpften „gebrochenen“ Druckschriften, die landläufig „Fraktur“ genannt werden. Für die meisten heute lebenden Deutschen ist die Handschrift der Großelterngeneration nur noch ein Geheimcode, der obendrein im Ruch steht, eine „Nazischrift“ zu sein. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: 1941 ordneten die Nationalsozialisten die Abschaffung der deutschen Schreibschrift sowie der „Fraktur“ an, die jetzt als „jüdisch“ galt. Das Frakturverbot entsprang allerdings nicht nur, wie Zeise meint, dem Wunsch, nach Kriegsbeginn die Auslandspropaganda durch die international gebräuchliche Antiqua effektiver zu machen. Vielmehr spiegelte sich in der wechselhaften Schriftpolitik der Nationalsozialisten auch ihre ambivalente Haltung zur Moderne. Hitler hatte schon 1934 „jene Rückwärtse“ kritisiert, die im Zeitalter von Stahl, Glas und Beton „Straßenbenennungen und Maschinenschrift in echt gotischen Lettern“ anstrebten.

Kognitiver Wert der Schrift

Der Name „Sütterlin“, unter dem heutzutage die deutsche Schreibschrift firmiert, bezeichnet eigentlich nur eine ihrer Unterarten: eine Lernschrift für Schulanfänger, die der Grafiker Ludwig Sütterlin 1911 entwickelte. Dass die Schreibschrift nicht nur einen kulturgeschichtlichen, sondern auch einen immensen kognitiven Wert hat, macht Zeise an vielen Stellen des Buches deutlich. Indem Schulanfänger die Buchstaben eigenhändig zu Papier bringen und zu „Wortbildern“ verbinden, entwickeln sie ein Gefühl für das Verhältnis zwischen dem Fluss der Laute, dem Bau der Wörter und den Zeichen auf dem Papier. Sie verinnerlichen so das Funktionsprinzip der Schriftsprache. Studien zeigen zudem, dass Inhalte besser durchdrungen und nachhaltiger memoriert werden, wenn man sie von Hand notiert, statt sie in den Computer zu tippen.

Wegen all dieser Vorzüge sieht Lena Zeise die Handschrift auch zukünftig nicht in Gefahr. Dass viele Schulkinder statt echter Schreibschriften, die die Buchstaben flüssig verbinden, nur noch Druckbuchstaben lernen, hält sie für zweitrangig. Wichtig sei, dass Kinder überhaupt übten, mit der Hand zu schreiben, denn auf dieser Basis würden sie dann eine individuelle und funktionierende Handschrift entwickeln. Aktuelle Studien zu den Schreibfähigkeiten von Schülern und Erfahrungen aus der pädagogischen Praxis stimmen skeptisch gegenüber solchem Optimismus. Eine Untersuchung des Deutschen Lehrerverbandes ergab, dass über die Hälfte der Jungen und fast ein Drittel der Mädchen an weiterführenden Schulen Probleme mit der Handschrift hatten.

Es spricht viel dafür, dass die Ursachen nicht nur in einem Übermaß an digitaler Kommunikation, sondern auch in einem falsch konzipierten Unterricht liegen, der die Bedeutung der Handschrift und die Voraussetzungen für ihren erfolgreichen Erwerb verkennt. Aber vielleicht hilft Lena Zeises Buch ja, den einmaligen Wert dieser Kulturtechnik wieder stärker ins Bewusstsein zu rufen.

Lena Zeise: „Schreibschriften. Eine illustrierte Kulturgeschichte“, Haupt Verlag, Bern 2020. 208 S., Abb. geb., 36,– €.

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