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Indische Protestbewegung : Mut und Mundwerk lassen Mächtige zittern

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Sampat Pal Devi, die Anführerin der „Pink Sari“-Bewegung. Bild: ddp images/STEVENS FREDERIC/SIPA

Am Anfang stand der Kampf für die Rechte einer vergewaltigten jungen Frau: Die Journalistin Amana Fontanella-Khan beschreibt die indische Protestbewegung „Pink Sari“ und deren entschlossene Anführerin.

          Seit einiger Zeit steht Indien in den Schlagzeilen. Nicht nur wegen der unlängst abgehaltenen Parlamentswahlen in der größten Demokratie der Welt oder als aufstrebende und dennoch prekäre Weltwirtschaftsmacht, sondern auch mit Berichten über Gewalt gegen Frauen, insbesondere seit der besonders brutalen und für das Opfer tödlich endenden Gruppenvergewaltigung einer indischen Studentin in Delhi im Dezember 2012.

          Auch das Buch „Pink Sari Revolution“ der Journalistin Amana Fontanella-Khan handelt von dieser Gewalt. Es ist ein Buch über Sampat Pal, die Anführerin einer „Rosa Gang“ genannten Selbstschutzgruppe. Im Mittelpunkt steht die Vergewaltigung von Sheela, einer jungen Frau, die von Handlangern eines lokalen Politikers entführt wird, weil der Vater des Mädchens mit ihrer Liebesbeziehung nicht einverstanden ist und sie deshalb dem Abgeordneten als „Dienstmädchen“ in dessen Haushalt anbietet. Um die dort stattfindende Vergewaltigung zu überdecken, wird Sheela ein Diebstahl untergeschoben, und sie landet im Gefängnis.

          Weitgehend gewaltfreie Protestformen

          Sampat Pal und ihre Anhängerinnen setzen sich zum Ziel, die Gefangene durch einen fairen Prozess freizubekommen. Dabei stoßen sie auf ein Dickicht von polizeilicher Willkür, politischer Korruption, familiärer und sozialer Gewalt, aber auch auf mutige Frauenrechtlerinnen und zur Aufdeckung entschlossene lokale Medien. So entsteht vor den Augen der Leser ein engmaschiges Netz von Ambivalenzen zwischen Emanzipation und Unterdrückung, Demokratie und Feudalismus, starken Individuen und mächtigen Sozialzwängen.

          Unbeeindruckt von patriarchalen Strukturen und politischer Korruption fordert Sampat Pal mit Aufsehen erregenden und weitgehend gewaltfreien Protestformen Recht und Gerechtigkeit für die Schwachen in Uttar Pradesh, einem der ärmsten Bundesstaaten Indiens. Fontanella-Khan beschreibt immer wieder Szenen, in denen Sampat Pal die Mächtigen herausfordert und dabei um die Risiken ihres Vorgehens weiß. Das Buch berichtet von Todesdrohungen gegen ihre Familie.

          Sampat Pals Bewegung, von der Autorin etwas überspitzt als „Revolution“ bezeichnet, ähnelt anderen Protestbewegungen, bei denen Frauen in den Mittelpunkt rücken, wenn auch mit sehr unterschiedlichen Methoden und medialer Präsenz: etwa den Aktivistinnen von „Pussy Riot“ und den Femen-Frauen oder den Gezi-Park-Demonstrationen im Arabischen Frühling. Entfesselt durch wirtschaftliche Globalisierung und digitale Vernetzung, scheinen diese Gruppen zu einem neuen Sozialtyp geworden zu sein, bei denen Frauen oft an vorderster Front agieren.

          Rosa Saris und Stöcke

          In Indiens urbanen Zentren manifestiert sich zunehmend Protest, etwa gegen Korruption oder die Errichtung von Sonderwirtschaftszonen, die mit Enteignung und Umsiedlung einhergehen. Für die Autorin ist Sampat Pal jedoch kein „global warrior“, Machtzentren wie Delhi sind weit entfernt, und selbst die lokale Regierung interessierte sich erst für sie, als der Fall von Sheela durch die Medien nationale Sichtbarkeit und politische Brisanz erhielt. Zwar hat Indien durchaus eine eigene Tradition lokaler Protestkultur. Aber mit der Pink-Sari-Bewegung scheint doch ein neuer Typus von Protest auf den Plan zu treten: eine Bewegung, die „von unten“ organisiert wird, angeführt von einer Frau ohne Schulbildung und ohne Kenntnis von globalen Zusammenhängen. Und so wirkt die Darstellung von Sampat Pal in diesem Buch beinahe wie eine entrückte, romantische Geschichte.

          Die einst dörfliche Pink-Sari-Bewegung hat inzwischen so viel Aufmerksamkeit bekommen, dass sie heute über eine eigene englischsprachige Website verfügt. Tatsächlich trägt die Biographie der Frauenrechtlerin, die mit der ständigen Erfahrung von Armut und Kastendiskriminierung aufwuchs, sich selbst das Lesen und Schreiben beibrachte, mit zwölf Jahren zwangsverheiratet wurde, nun aber von hochrangigen Politikerinnen wie Sonia Gandhi in Delhi empfangen wird und in ihrer Heimatstadt im Rahmen einer Regionalwahl für die Kongress-Partei kandidierte, Elemente einer griechischen Tragödie und der Hindumythologie in sich. Sampat Pal ist zugleich Mänade und die kriegerische Göttin Kali. Man muss sich vor ihrem rasenden Zorn, ihrem stählernen Mut und ihrem flinken Mundwerk fürchten, ob man nun Mann oder Frau, Politiker oder Polizist ist. Sie hat ihre „Gang“ auf über 150 000 Anhängerinnen erweitert, ausgestattet mit Stöcken und rosafarbenen Saris - rosa, weil das weder eine politisch noch religiös oder ethnisch konnotierte Farbe war.

          Amana Fontanella-Khan pendelt mit ihrer Darstellung zwischen fast dokumentarischer Reportage und erzählerischen Elementen, in die sie knappe Ausführungen zu Kastenstruktur und Politik einstreut. In Interviews hat sie wiederholt erklärt, dass ihr viel daran gelegen ist, Frauen in Indien mit dem Buch nicht nur als Opfer zu porträtieren, sondern ausgestattet mit Handlungsmacht. Sie zeichnet das Porträt eines Landes, das immer wieder Menschen wie Sampat Pal hervorbringt: mit klarer Stimme, entschieden und standhaft.

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