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: Trau keinem Gefühl

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Immunität schützt Parlamentarier vor Strafverfolgung, Normalsterbliche vor Krankheiten. Was aber ist ein immuner Erzähler? Ein Erzähler, so Martin von Koppenfels, der fühllos gegenüber seinem epischen Personal und dem Leser agiert, der seine Affekte bewusst ausschaltet. Dass das Erreichen einer solchen Erzählhaltung ...

          Immunität schützt Parlamentarier vor Strafverfolgung, Normalsterbliche vor Krankheiten. Was aber ist ein immuner Erzähler? Ein Erzähler, so Martin von Koppenfels, der fühllos gegenüber seinem epischen Personal und dem Leser agiert, der seine Affekte bewusst ausschaltet. Dass das Erreichen einer solchen Erzählhaltung einem Akt der Impfung gleicht, dass ihm Mechanismen der Abhärtung und der gesteuerten Infektion vorausgehen, zeigt er anhand des Briefwechsels Flauberts mit Louise Colet. Hier trainiert sich Flaubert jenen Stil der "impassibilité" an, den er in "Madame Bovary" erprobt und im Roman "L'Éducation sentimentale" schließlich auf die Spitze treibt.

          Die Sehnsucht nach dem großen Gefühl treibt die Figuren in jenem Roman an, doch bleibt die Jagd vergeblich. Affektive Selbsttäuschungen und falsche Gefühle dominieren, nur die negativen Gefühle der Peinlichkeit und Scham werden breit ausgekostet. Dahinter stehen ausgeklügelte Erzählerstrategien, auch wenn der Erzähler kaum sichtbar in Erscheinung tritt. Die immer wieder inszenierten Szenen des Verpassens, die Affektunterbrechung, die bewusste Redundanz oder die "Poetik des ruinierten Finales", also das Unterlaufen von Lesererwartungen am Romanschluss, macht Koppenfels als solche Strategien aus. Immunität des Erzählens bedeutet nicht notwendigerweise den Verzicht auf pathetische Wirkung im herkömmlichen Sinne, ihr liegt sogar ein wirkungsästhetisches Kalkül zugrunde: Die Affektverweigerung erzeugt eine starke emotionale Wirkung.

          Stellt Flauberts "L'Éducation sentimentale" das geradezu klassische Paradigma des immunen Erzählens dar, so verfolgt Koppenfels die Folgen dieses wirkmächtigen Phantasmas im zwanzigsten Jahrhundert anhand von ausgewählten Lektüren. Dabei beschränkt er sich nicht auf Werke, in denen eine ähnliche Perspektive dominiert, sondern deutet diverse Restitutionsversuche des starken Affekts als Abarbeitung am Flaubertschen Stilideal. Flauberts Ausgangspunkt, die Konstatierung affektiver Leere, steht dabei ungeachtet aller andersgearteten Behauptungen drohend im Hintergrund und schleicht sich gleichsam durch die Hintertür in die entsprechenden Werke ein.

          Die ekstatischen Momente in Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", in der starke Affekte im Akt des Erinnerns beschworen werden, haben, so besehen, zwei Defekte: Erstens gehören die Affekte der Vergangenheit an, sind also nur erinnerte, und zweitens verdankt sich ihre Wirksamkeit der gefühlsleeren Oberfläche der Gegenwart - ein Befund wie bei Flaubert. Anders bei Céline. Dieser verfolge eine Ästhetik des "Dauerchocks", reihe unablässig affektive Höhepunkte aneinander. Das Ergebnis ist indes nicht Erregung, sondern Abstumpfung und Betäubung, also letzten Endes Affektlosigkeit. Provozierend ist Koppenfels' gleichberechtigte Einbeziehung der antisemitischen Schriften Célines. Er wendet sich entschieden gegen ästhetische Entlastungsversuche, also etwa die Trennung des Stilisten Céline von der diskreditierten Privatperson. Rebelliert Céline vehement gegen die Tradition des Affektentzugs, so verortet er diesen rassenbiologisch, indem er den im Gegensatz zu den Ariern emotionsunfähigen Juden einen regelrechten Emotionsraub unterstellt.

          Martin von Koppenfels' Studie kommt mit dem Gewicht einer ambitionierten Habilitationsschrift daher. Im Hintergrund stehen Freud und Lacan, aber auch Albrecht Koschorkes große Studie zur Empfindsamkeit ("Körperströme und Schriftverkehr") oder Philipp Sarasins diskursgeschichtliche Untersuchung der Geschichte des Körpers ("Reizbare Maschinen"). Dies macht sein pointiertes Buch nicht immer leicht lesbar, zumal man sich auf ein komplexes Begriffsinstrumentarium einlassen muss, das zum Teil sehr subjektiv geprägt ist. Der Leitbegriff der "Affektpolitik", um nur ein Beispiel herauszugreifen, hat bei aller Herleitung eben doch kaum etwas mit dem herkömmlichen Begriff des Politischen zu tun.

          Intellektueller Scharfsinn entschädigt dann aber doch für die Mühen der Rezeption, wie besonders am fesselnden letzten Kapitel deutlich wird. Koppenfels setzt hier den "Roman eines Schicksallosen" von Imre Kertész in Bezug zur Tradition des immunen Erzählens und zeigt, wie die verstörende Wirkung des Buches gerade auf der konsequenten Verweigerung der erwarteten Affekte, etwa Trauer, Wut oder Angst, beruht. Übrig bleibt nur das Gefühl der Gefühllosigkeit, das Pathos der Schicksallosigkeit - ein individuelles Schicksal hat der zur Nummer degradierte KZ-Häftling nicht mehr.

          Monströser noch ist der Befund der Immunität allerdings auf Seiten der Täter: Auch Adolf Eichmann ist immun, gefühllos und ist daher ungeeignet für jeden Versuch einer Dämonisierung, wie Hannah Arendts Diktum der "Banalität des Bösen" unterstreicht. Dass er als Schreibtischtäter ohne Affekte, gleichsam als Gegenpol zu den großen Verbrechern wie Shakespeares Richard III., in Gestalt des biederen Vater Roque eine Art von Vorläuferfigur in Flauberts "L'Éducation sentimentale" besitzt, zeigt die Relevanz von Flauberts Projekt, das zur Erfassung des katastrophischen Jahrhunderts offensichtlich besser geeignet ist als die tragisch-pathetischen Stilideale vergangener Epochen.

          THOMAS MEISSNER

          Martin von Koppenfels: "Immune Erzähler". Flaubert und die Affektpolitik des modernen Romans. Wilhelm Fink Verlag, München 2007. 395 S., br., 44,- [Euro].

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