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Kritik des Transaktivismus : Gegen die Rückkehr der Sexualmagie

Die Welt der feministischen Superheldinnen ist gespalten: Den Parolen dieser „lesbischen Rächerin“ auf einer Demonstration in London widersprechen Alice Schwarzer und Kathleen Stock. Bild: dpa

Sind Pubertierende reif genug, ihr Geschlecht frei zu wählen? Kathleen Stock, Alice Schwarzer und Chantal Louis antworten dem Transaktivismus mit Ideologiekritik.

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          Im ersten Kapitel des Films „Der Sinn des Lebens“ der englischen Komikertruppe Monty Python aus dem Jahr 1983 absolviert ein Administrator des Nationalen Gesundheitsdienstes eine Visite in einem Klinikum. Ihm wird die Geburtsstation gezeigt, und höflich erkundigt er sich: „Was machen wir eigentlich hier?“ Die Antwort „Babys!“ verblüfft und euphorisiert ihn: „Was wir so alles können!“ Heute kann man über ganz andere Wunder der bürokratisierten Gesundheitsvorsorge staunen, wenn man etwa einen Artikel beim Wort nimmt, den die „New York Times“ vor einem Jahr unter der Überschrift „Was sind Pubertätsblocker?“ veröffentlichte.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Anlass war ein Gesetz im Bundesstaat Arkansas, das die Verabreichung dieser Medikamente an Jugendliche untersagt, die den Wunsch äußern, ihr Geschlecht zu verändern. Wie der Name sagt, halten Pubertätsblocker die körperlichen Veränderungen an, die das pubertäre Stadium der Entwicklung bestimmen. Sie wurden zur Behandlung von Kindern entwickelt, bei denen die Pubertät zu früh einsetzt. Um die Wirkungsweise der Medikamente zu erklären, erläutert der Artikel, was die beiden Hormone bewirken, deren Produktion im Körper von den Spritzen oder Implantaten blockiert wird. „In Menschen, denen bei der Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen wird, bringen diese Hormone die Eierstöcke dazu, Östrogen herzustellen, das Prozesse wie das Wachsen der Brüste und die Menstruation anregt. In Menschen, denen bei der Geburt das männliche Geschlecht zugewiesen wird, bringen sie die Hoden dazu, Testosteron herzustellen, das Prozesse wie das Wachsen der Gesichtsbehaarung und das Tieferwerden der Stimme anregt.“

          Bild: Edition Tiamat

          Nähme man diese beiden Sätze wörtlich, dann schrieben sie einer bürokratischen Prozedur auf den Geburtsstationen mirakulöse Wirkungen zu. Der Geschlechtseintrag wäre dafür verantwortlich, dass der einen Hälfte der Menschen Brüste und der anderen Bärte wachsen. So, wie sie dastehen, stimmen die Sätze nicht. Es kommt vor, dass dem Arzt ein Irrtum unterläuft und in die Akte das falsche Geschlecht eingetragen wird. Dann wirken die Hormone nicht wie beschrieben. Natürlich nicht – möchte man sagen. Sollte man aber vielleicht nicht sagen, wenn man den Regeln folgt, welche die Kollegin der „New York Times“ bei der Wortwahl beachtet hat. Nun ist ihr Artikel als informatives Erklärstück durchaus harmlos im besten Sinne des Neutralitätsideals der amerikanischen Presseethik und eigentlich nicht missverständlich. Es ist einfach üblich geworden, die Ausdrücke „people assigned female at birth“ und „people assigned male at birth“ zu verwenden.

          Bild: Kiepenheuer & Witsch Verlag

          Für die britische Philosophin Kathleen Stock zeigt gerade das Konventionelle dieser Austreibung des Natürlichen aus der Sprache die Brisanz des Problems, auf das sie mit ihrem Buch „Material Girls“ aufmerksam machen möchte. Sie hält die Begriffe für sachlich falsch. „In den allermeisten Fällen wird das Geschlecht nicht ‚bei der Geburt zugewiesen‘, sondern festgestellt – zumeist durch Beobachtung bei der Geburt, in seltenen Fällen auch erst später.“ Falsche Begriffe vermitteln falsche Vorstellungen. Menschen kommen nicht männlich oder weiblich zur Welt, sondern ihnen wird ein Geschlecht zugewiesen, beziehungsweise sie werden einem der beiden Geschlechter zugewiesen: An diese Redeweise haben wir uns gewöhnt, jedenfalls in amtlichen und akademischen Texten, und es ist Stocks gut begründete Befürchtung, dass damit ein Wandel der Denkungsart einhergeht.

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