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Traditionelle Architektur : In den Bergen baut man einfach anders als am Meer

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Auf der Liste der Unesco-Welterbestätten: Wehrhafte Rundhäuser der Hakka in der südchinesischen Provinz Fujian. Bild: Yuanhang Luo

Die Besinnung auf die Tugenden des traditionellen Bauens könnte heute wichtige Impulse geben. Ein Streifzug rund um die Erde zeigt, mit welchen Errungenschaften lokale Baumeister punkten.

          Vor gut sechzig Jahren hielt der Philosoph Martin Heidegger seinen Vortrag mit dem Titel „Bauen Wohnen Denken“. Er kritisierte die technokratische Architektur seiner Zeit und trat für ein Bauen ein, das sich als Gedächtnis der Wohnwünsche der Menschen begreift, als Speicher für das Wissen darum, wie man sich in der Welt verortet. Verbessert hat sich die Situation seither nicht. Im Gegenteil: Das Bauen ist eher zum Gegenstand allgemeinen Unbehagens geworden. Umso mehr scheint es angeraten, einen Blick darauf zu werfen, welche Wege der Mensch gefunden hat, sich mittels Architektur lebenswerte Bedingungen zu schaffen. Das tut nun ein gewichtiges Kompendium, das die Architektin Sandra Piesik zusammengestellt hat, indem es einen bildsatten Streifzug durch achtzig Länder und die fünf Klimazonen der Erde unternimmt. Entstanden ist dieses Mammutwerk im Umfeld der UN-Klimarahmenkonvention.

          Sandra Piesik (Hrsg.) : „Habitat“. Traditionelle Bauweisen für den globalen Wandel. Detail Verlag, München 2017. 600 S., geb., 99,– €.

          Ein paar Beispiele: In Vorderasien verfügen die Häuser über Holzbalustraden in den oberen Stockwerken, die Fensteröffnungen sind mit einem feingedrechselten Kunstwerk aus Holz versehen, das das Licht gut absorbiert. Diese Holzgitter werden „Mashrabia“ genannt. Man kann zwar von innen hinaussehen, aber niemand kann hineinschauen. Sie sind nicht nur Dekor, sondern funktionaler Teil der Architektur – wie auch sternförmige Öffnungen in der Gewölbedecke; die in ihrem Zusammenspiel wunderbare Lüftung im heißen und extremen Klima mit gleißendem Sonnenlicht bringen.

          In der südchinesischen Provinz Fujian hat die ethnische Minderheit der Hakka eine so prägnante wie wehrhafte Architektur entwickelt: festungsgleiche Rundhäuser, bis zu siebzig Meter im Durchmesser und mit zehn Meter hohen Lehmmauern, nur ein paar winzige Fenster weit oben, die eher Scharten gleichen. Ein ähnliches Bild bietet allenfalls eine Stierkampfarena. Innen überwiegt Holz. Sonnenverbrannt, annähernd schwarz kleidet es die Bauten mit Holzbalkonen aus, von denen aus die Zimmer zu erreichen sind. Nicht horizontal, sondern vertikal sind die Wohnsegmente angeordnet, wie Tortenstücke, so dass eine Familie vom Erdgeschoss bis unters Dach wohnt.

          Oder die Technik des Windturms, wie sie sich am arabischen Golf etabliert hat – auch sie ein wirkmächtiges Beispiel: Denn damit lassen sich ganz ohne Kompressoren und ohne Kältemitteleinsatz die Temperaturen in Innenhöfen und Räumen auf ein erträgliches Niveau drücken.

          Touristischer Anziehungspunkt: Die traditionelle Bauweise der Häuser von Ratenggaro auf West Sumba, einer der Kleinen Sundainseln in Indonesien.

          Suggestiv wird so illustriert, dass in vorindustrieller Zeit die Architektur zwangsläufig klimagerecht war. Dies ist ablesbar an den regional unterschiedlichen Bauweisen. Ein Gebäude in Griechenland war anders strukturiert als eines in Skandinavien. In den Bergen baut man anders als am Meer. Geometrie, Farbgebung, Fensterflächen, Dachformen, aber auch Grundrissgestaltung waren an die herrschenden Klimabedingungen so weit wie möglich angepasst, dass mit möglichst geringem Energieeinsatz ein möglichst hoher Komfort für die Gebäudenutzer entstand. Traditionelle oder autochthone Alltagsarchitektur, wie sie überall auf der Welt bis in unser Jahrhundert hinein existierte, wird äußerlich von der Form und den örtlich verfügbaren Baustoffen geprägt. Betrachtet man sie unter dem Gesichtspunkt des Energiesparens, so entpuppt sie sich in der Regel als meisterhaft durchdacht und wirkungsvoll.

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