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: Tomaten und Gedichte

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Mit der Veröffentlichung seines ersten Gedichtbandes "Sarmatische Zeit" im Mauerbau-Jahr 1961 begann der kometenhafte Aufstieg Johannes Bobrowskis in Ost und West. Hier wie dort bemühte man sich, ihn für die jeweils eigene Seite zu reklamieren, und überhäufte den Dichter, der einen bis dahin ungehörten hymnisch-elegischen, ...

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          Mit der Veröffentlichung seines ersten Gedichtbandes "Sarmatische Zeit" im Mauerbau-Jahr 1961 begann der kometenhafte Aufstieg Johannes Bobrowskis in Ost und West. Hier wie dort bemühte man sich, ihn für die jeweils eigene Seite zu reklamieren, und überhäufte den Dichter, der einen bis dahin ungehörten hymnisch-elegischen, an Hölderlin geschulten Ton anschlug, mit Literaturpreisen.

          "Ihre Gedichte kommen mir öfters wie eine Erfüllung der abgebrochenen Entwicklung Hölderlins vor", schrieb ihm der Literaturwissenschaftler, Poet und Übersetzer Michael Hamburger, der neben Christopher Middleton der wichtigste Vermittler deutscher Literatur nach England ist. Bobrowski und Hamburger hatten sich 1962 auf einer Tagung kennen- und als Wahlverwandte schätzengelernt und wechselten fortan freundschaftliche Briefe. Viel Zeit blieb ihnen nicht dafür: Bobrowski starb 1965 überraschend mit nur 48 Jahren.

          Jochen Meyer hat die Korrespondenz - "alles in allem 46 Briefe" - mit der bewährten Marbacher philologischen Akkuratesse herausgegeben und kommentiert, Ingo Schulze hat ein kurzes Nachwort beigesteuert, in dem er sehr eindringlich von dem Versuch Michael Hamburgers berichtet, das großelterliche Haus in Berlin-Kladow wieder ausfindig zu machen, das er als Kind zuletzt gesehen hatte, bevor er mit seinen jüdischen Eltern 1933 Deutschland verließ. Doch von der Vergangenheit ist, wie Schulze feststellt, in dem Briefwechsel der beiden nicht die Rede, obwohl es die poetische Heimkehr in das real Verlorene der Landschaft und der Sprache ist, das sie miteinander verbindet, trotz ihrer geradezu diametral verschiedenen Lebensläufe: Der Ostpreuße Bobrowski hatte, während der Exilant Michael Hamburger seinen britischen Militärdienst ableistete, als Soldat an der Ostfront sein Thema gefunden: "Die Deutschen und der europäische Osten" (so definierte er es selbst); der englisch sozialisierte Michael Hamburger übertrug etwa gleichzeitig Hölderlin ins Englische.

          In ihren Briefen geht es nicht überwiegend, aber hauptsächlich um Gedichte, um die eigenen und um die des Partners, die sie sich gegenseitig vorzeigen. Sie leben mit diesen Texten, machen sie sich so sehr zu eigen, daß es, wie sie übereinstimmend beteuern, zuletzt gar nicht mehr wichtig ist, wer sie geschrieben hat. Sie überlegen, wie Gedichte entstehen, wie sie zu übersetzen sind und wie man sie kommentieren kann: "Wie Sie es tun, so kann man über Gedichte sprechen, über die eigenen, so ganz frei und so ganz einbezogen zugleich", schreibt Bobrowski. Gedichte sind ihnen beiden Lebensmittel, auf die man angewiesen ist, und zugleich Glücksfälle, auf die man warten muß. Zwar bemühen sie sich spürbar, auch von anderen Dingen zu reden als nur von Gedichten; aber sie kommen, wenn sie sich nach der Gesundheit erkundigen und über Alltagsangelegenheiten sprechen oder von der Gartenarbeit, dem Tomatenhochbinden und den Reiseplänen berichten, flugs wieder zu den Gedichten zurück: "Ich ließ mir hier einen Bart wachsen, und er war grau", schreibt Hamburger, "aber meine Gedichte sind vielleicht noch nicht einmal mündig." Er ist von permanenten Selbstzweifeln geplagt, die ihm Bobrowski, bei aller Freundschaft, auch nicht auszureden versucht, wohl aus eigener Erfahrung wissend, wie notwendig sie für den Lyriker sind.

          Es blieb beim "Sie" zwischen ihnen, auch wenn sie sich bald mit ihren Vornamen ansprachen. Eine distanzierte Vertrautheit herrscht zwischen ihnen. Sie müssen sich nichts erklären, Mitteilungen genügen. Bobrowski, der ein Genie für Freundschaften besaß, ist ein überaus sensibler, fast furchtsam anpassungsfähiger und gerade deshalb ein treffsicher charakterisierender Briefschreiber. Es wäre deshalb zu begrüßen, wenn bald weitere Korrespondenzen zu lesen wären, etwa diejenigen mit Günter Bruno Fuchs, Peter Jokostra, Christoph Meckel, Robert Wolfgang Schnell oder Klaus Wagenbach. Versprochen sind sie seit langem.

          WULF SEGEBRECHT

          Johannes Bobrowski / Michael Hamburger: "Jedes Gedicht ist das letzte". Briefwechsel. Herausgegeben und kommentiert von Jochen Meyer. Mit einem Essay von Ingo Schulze. Deutsche Schillergesellschaft, Marbach am Neckar 2004. 177 S., geb., 16,- [Euro].

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