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Tomás Sedlácek: „Die Ökonomie von Gut und Böse“ : Auf das Wohlwollen des Bäckers darf gepfiffen werden

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Bild: verlag

Daran hängt unser aller Glück: Tomás Sedlácek weiß, dass die Ökonomie an normativen Fragen nicht vorbeikommt.

          Einer der meistzitierten und vielfältig verwendeten Sätze der Wirtschaftswissenschaften geht so: „Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen.“ Der schottische Moralphilosoph Adam Smith hat ihn aufgeschrieben in seinem berühmten Buch „Wohlstand der Nationen“. Er führt hin zum beinahe unerträglich oft gebrauchten Bild von der „unsichtbaren Hand“ des Marktes, das dazu ermuntern soll, die Koordination der Wünsche der Menschen dem Zusammentreffen von Angebot, Nachfrage und wettbewerblicher Preisbildung zu überlassen.

          “Gerade dadurch, dass er (der Einzelne) das eigene Interesse verfolgt, fördert er häufig das der Gesellschaft nachhaltiger, als wenn er wirklich beabsichtigt, es zu tun“, schrieb Smith weiter. Das klingt wie Magie. Die unsichtbare Hand entlastet jeden einzelnen Menschen moralisch merklich - er muss sich offenbar eben nicht aktiv um das Wohl seiner Mitmenschen kümmern. In der globalisierten Wirtschaftswelt der Gegenwart ist jeden Tag aufs Neue zu bestaunen, wie Menschen, die sich nicht kennen, keine gemeinsame Sprache sprechen und häufig unterschiedlichen Wertvorstellungen anhängen, über Handel dennoch friedlich zusammenfinden - sehr häufig zum Vorteil aller Beteiligten. Eine tolle Sache also. Einerseits.

          Die Geschichte der unsichtbaren Hand

          Andererseits bleibt die „unsichtbare Hand“, weil sie im Letzten nicht zu beweisen ist, ein Glaubensbekenntnis. Und eines, das viel weiter zurückreicht als bis zu Adam Smith. Der tschechische Ökonom Tomás Sedlácek, der schon den verstorbenen Präsidenten Václav Havel beriet, zeichnet in seinem Buch die Geschichte dieser Idee auf souveräne Weise nach. Aristophanes hat da ebenso seinen Auftritt wie Thomas von Aquin, und auch Goethes Mephistopheles darf nicht fehlen, der „Teil von jener Kraft, / die stets das Böse will und stets das Gute schafft“. In Versen formulierte auch Bernard Mandeville den Gedanken, vor Smith noch und nach Sedlácek sogar als Erster überhaupt in einem explizit ökonomischen Kontext. „Der Allerschlechteste sogar / fürs Allgemeinwohl tätig war“, heißt es bei ihm, und außerdem noch: „Trotz all dem sündlichen Gewimmel / War’s doch im Ganzen wie im Himmel.“ Im Gegensatz zu Smith sprach Mandeville wesentlich ausdrücklicher von Egoismus, Selbstliebe und Laster, die sich schlussendlich gemeinwohlfördernd auswirkten.

          Mal ist es Gott, mal eine unbestimmte Kraft, mal der Markt: In allen Beispielen bleibt die Idee der unsichtbaren Hand, laut Sedlácek dieselbe. Um einem beliebten Missverständnis vorzubeugen, sei an dieser Stelle angefügt, dass zumal das smithsche Eigeninteresse natürlich nicht per se etwas Schlechtes zu sein braucht. Wir können es genauso gut als etwas moralisch überaus Ehrenwertes denken, wenn wir das wollen. Nur wird, wenn wir das in einem definitorischen Sinne tun, das gesamte Bild der unsichtbaren Hand sinnlos. Es degeneriert dann zu einer Tautologie. Aus Gutem wird Gutes. Da geht alle Magie verloren. Adam Smith machte die unsichtbare Hand übrigens nie zum alleinigen Kitt der Gesellschaft.

          Die großen Wirtschaftsfragen sind normativ

          Sedlácek überlässt dem Leser die Entscheidung, was von dieser Idee zu halten sei. Ihm ist nur daran gelegen, ihre Geschichte zu verfolgen und aufzuzeigen, dass sie unser Denken von der Wirtschaft wesentlich prägt. Und dass nicht nur das Prinzip der unsichtbaren Hand, sondern sehr viele Vorstellungen, die wir uns von der Wirtschaft machen, letztlich auf Glaubensüberzeugungen fußen. Das vergessen wir nämlich mitunter und auch viele Ökonomen der Gegenwart angesichts einer Wirtschaftswissenschaft, die manchmal mehr mit Formeln als mit innovativen Ideen glänzt.

          Dabei verteufelt Sedlácek die Mathematik überhaupt nicht. Er plädiert vielmehr dafür, nicht zu vergessen, dass die Wirtschaft aus mehr besteht als aus Zahlen und dass sich vieles, was da passiert, nicht numerisch beschreiben lässt. Zu Lebzeiten von Adam Smith etwa war die Ethik, war überhaupt das Fragen nach dem Guten und Schlechten noch ein integraler Bestandteil des Faches. Letztlich sind die großen Wirtschaftsfragen normativ. Was ist Wachstum, und wie viel wollen oder brauchen wir davon? Was ist überhaupt Fortschritt?

          Die Antworten auf solche Fragen fallen unterschiedlich aus, wobei Überzeugungen wie jene von der unsichtbaren Hand immer wieder durchschimmern. „In der Ökonomie“, schreibt Sedlácek, „geht es um Gut und Böse. Es geht um Menschen, die Menschen Geschichten über andere Menschen erzählen. Selbst das ausgefeilteste mathematische Modell ist eine Parabel, eine Geschichte, mit der wir die Welt um uns herum zu begreifen versuchen.“ Er selbst erzählt solche Geschichten in seinem Buch mit fröhlichem Unterton, unaufgeregt und von der Warte eines Menschen, der weiß, dass Menschen heute mehr Möglichkeiten haben als jemals zuvor.

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