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Tom Waits : Als der Hüftschwinger kam

  • -Aktualisiert am

Ein ewiger Vagabund: Tom Waits Bild: picture-alliance / dpa

Jeder kennt ihn, aber kaum jemand weiß wirklich etwas über ihn: Die erste richtige Tom-Waits-Biographie zeigt uns den amerikanischen Sänger als einen ewigen Vagabunden.

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          Der Anekdoten ist kein Ende, wenn der Name Tom Waits fällt; insofern sollte es eine dankbare Aufgabe sein, seine Biographie zu schreiben. Die Schwierigkeit eines solchen Unterfangens aber ist, zwischen lauter Räuberpistolen und Münchhausiaden überhaupt gesicherte Informationen ausfindig zu machen. Denn der Sänger und Schauspieler hat vielfach betont, dass das Interview, welches er gerade gibt, auch nur Teil seiner Performance sei. So lag eine umfassende Tom-Waits-Biographie bislang auch noch nicht vor. Der britische Musikjournalist Patrick Humphries hat sich nun an dieser Aufgabe versucht und in Anbetracht des ausgeprägten Maskenspiels des Porträtierten gleich im Titel seines Buchs klargestellt, dass der behandelte Stoff für mehrere Leben reicht.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Um den Hintergrund von Waits' Jugend auszumalen, beginnt Humphries mit einer Schilderung der amerikanischen fünfziger Jahre und dem Umbruch von der McCarthy-Ära zur Elvis-Presley-Begeisterung. Der Hüftschwinger habe „wie eine Bombe in die amerikanische Psyche“ eingeschlagen, und Rock 'n' Roll bedeutete plötzlich mehr als „der afroamerikanische Ausdruck für Geschlechtsverkehr“. Das klingt ziemlich vertraut; etwas interessanter wirkt dagegen eine zitierte Erinnerung des Künstlers selbst an diese Dekade: Waits berichtet von einer Doppelvorführung im Kino, bei der neben einem KZ-Überlebenden-Film Disneys „101 Dalmatiner“ gezeigt wurden.

          Zum Vagabund erzogen

          Das für Waits werkbestimmende Thema des Vagabundentums sieht Humphries durch Kindheitserfahrungen vorgeprägt: Nach der Trennung seiner Eltern wuchs Thomas Alan Waits abwechselnd in Nordkalifornien und San Diego auf und verbrachte viel Zeit beim Pendeln zwischen den Orten. Einprägsam, wenn auch etwas willkürlich gewählt ist der Begriff einer „Class of '73“ amerikanischer Sänger und Songwriter, zu der Humphries Waits aufgrund des Erscheinungsjahres seines Debütalbums „The Heart of Saturday Night“ zählt. Zu diesem Zeitpunkt waren Zeitgenossen wie James Taylor, Kris Kristofferson und Jackson Browne freilich schon eine Weile im Geschäft. Dennoch erscheint die Einordnung von Waits in diese neue Folkszene plausibel, wenn man an den balladesken Charakter seiner Songs denkt. Viele Plattenfirmen, so Humphries, waren damals auf der Suche nach einem „neuen Dylan“.

          Musikalisch gehörte Waits aber von Anfang an eher zum Jazz. Auf „Nighthawks At The Diner“ (1975) wurde diese Entwicklung deutlicher. Die Spoken-Word-Stücke über Kontrabassbegleitung markieren auf diesem Album außerdem, wie der Biograph feststellt, den Beginn einer Orientierung an Jack Kerouac, der schon 1957 zum Klavierspiel von Steve Allen Beat-Lyrik skandiert hatte. Kerouac bleibt, wie sich noch an weiteren Stationen des Buches zeigt, eine für Waits bis heute maßgebliche Inspirationsquelle; unter seinem Namen verzeichnet das Register des Bandes die meisten Einträge. Auf dem jüngsten Werk von Tom Waits, „Orphans“ (2006), fand sich dann auch endlich die offene Hommage an Kerouac mit der musikalischen Adaption des Gedichts „Home I'll never be“, dessen lyrisches Ich rastlos durch die Weite der Vereinigten Staaten wandert: „Home in ol' Medora, home in ol' Truckee / Apalachicola, home I'll never be“.

          Mehr als ein Gelegenheitsschauspieler

          Die vielen Knicke in der Karriere und die mitunter erstaunlichen musikalischen Neuausrichtungen von Tom Waits zeichnet Humphries minutiös nach - von der Friedhofs-Polka auf „Rain Dogs“ (1985) zum Kirmesgeheul der Robert-Wilson-Kollaborationen „The Black Rider“ (1993) und „Blood Money“ (2002) bis zu Waits' Faible für verschiedene Schrottplatzinstrumente, etwa dem „waterphone“ oder dem „conundrum“, auf den jüngeren Alben. Im Kontext dieser Entwicklung wird die Rolle Kathleen Brennans betont, die Waits 1980 heiratete, ihn von seinem Leben als Barpianist abbrachte und seither für den Künstler als „creative director“ fungiert. Obwohl sich Brennan stets im Hintergrund hält, ist ihr Einfluss auf die Kompositionen und Produktionen vermutlich kaum zu überschätzen.

          Besonderen Nachdruck legt Humphries aber auch auf einen anderen, bislang unterbelichteten Aspekt: Tom Waits ist nicht nur Gelegenheitsschauspieler, sondern kann inzwischen auf eine Filmographie von sechundzwanzig Titeln zurückblicken. Er hat für Francis Ford Coppola, Robert Altman und Jim Jarmusch gespielt; für Letzteren besonders denkwürdig in „Down by Law“ an der Seite von Roberto Benigni. Von musikgeschäftlicher Bedeutung ist schließlich die Dokumentation von Waits' Weigerung, seine Musik oder seine Stimme als Werbemittel verwenden zu lassen. Der Mann mit dem markanten und oft parodierten Organ wehrt sich standhaft dagegen, dass seine Musik zur Produktanpreisung eingesetzt wird und fortan für immer mit der Erinnerung an diesen Werbekontext behaftet ist - das ist heute nicht selbstverständlich.

          Oft enttäuscht leider die deutsche Übersetzung; Andreas Reihse klebt geradezu an den englischen Begriffen, wenn es geboten wäre, eigene Sprachbilder im Deutschen zu finden. Das ist schade angesichts einer so ambitionierten Darstellung, die den erstaunlichen Beziehungsreichtum des Werks von Tom Waits deutlich macht.

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