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: Tolkien trug den bunten Berggeist als Urlaubspostkarte herum

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Freude und Verblüffung dürften sich im Juli 2005 beim englischen Auktionshaus Sotheby's die Waage gehalten haben, als sich das Los mit der Nummer 423 in der Sektion "Literatur, Kinderbücher, Illustrationen" während der Versteigerung plötzlich im Preis verdoppelte. "Der Berggeist" hieß das kinderbunte ...

          Freude und Verblüffung dürften sich im Juli 2005 beim englischen Auktionshaus Sotheby's die Waage gehalten haben, als sich das Los mit der Nummer 423 in der Sektion "Literatur, Kinderbücher, Illustrationen" während der Versteigerung plötzlich im Preis verdoppelte. "Der Berggeist" hieß das kinderbunte Ölbild, das für umgerechnet 120 000 Euro unter den Hammer kam; zu sehen gab es einen sitzenden Gnom mit königdrosselbarthaftem Bärtchen, grünem Hut, blauen Strümpfen und rotem Umhang, dem ein weißer Rehbock das Schnäuzchen in die Hände drückt. Im Hintergrund: Gras, Bäume, Felsen - Eichhörnchen, Uhu und ein zartviolettes Alpenpanorama. Das Gemälde ging an einen bis heute anonym gebliebenen Käufer. Eine Leidenschaft des Unbekannten steht allerdings fest: die Buchtrilogie "Der Herr der Ringe".

          Den hohen Preis verdankte das Gemälde nämlich weniger sich selbst als drei Worten aus berühmter Feder. "Origin of Gandalf" notierte John Ronald Reuel Tolkien auf ein Kuvert, das sich in seinem Nachlass fand und in dem eben von jenem Bild ein Postkartendruck steckte. Schon 1977 mutmaßte Tolkiens erster Biograph, Humphrey Carpenter, die Postkarte müsse er während eines Urlaubs im Jahr 1911 in der Schweiz erworben haben. Offenbar nahm den jungen Tolkien der tierfreundliche Waldgeist so nachhaltig ein, dass er ihn 1954 der Öffentlichkeit ein zweites Mal gab, als Gandalf im "Herrn der Ringe", der Zauberer und Hobbit-Versteher.

          Das Gemälde ist seither wieder in einer Privatsammlung verschwunden. Doch der Dienst, den das mit verblüffender Deutlichkeit betitelte Kuvert dem Künstler Josef Madlener aus Memmingen im Unterallgäu erwies, kann gar nicht überschätzt werden. In England trieb Tolkiens Vermerk den Auktionspreis in die Höhe; in Deutschland verschafft es ihm nun ein beglückend schräges Buchereignis: Das kiloschwere Werk "Josef Madlener. Mein Kosmos", mit unzähligen Farbabbildungen und Erläuterungstexten, herausgegeben von Joseph Kiermeier-Debre und Fritz Franz Vogel.

          Die erste Überraschung beim Blättern: "Der Berggeist" darf getrost zu Madleneres langweiligeren Bildern gezählt werden. Die zweite: Das auskrakende Werk des 1881 geborenen Malers erreicht in seinen besten Momenten die Qualität, die André Breton, der Schriftsteller und Theoretiker des Surrealismus, an Künstlerautodidakten wie Henri Rousseau oder Aloys Zötl schätzte - das Paradox eines repräsentativen Außenseitertums, eine weltverschlingende Einsiedelei.

          Wie ein vielarmiger Oktopus zog Madlener Provinz und Großstadt, Moderne und Traditon in ein umfassendes Bilderlabyrinth: Seine Tentakel griffen nach den englischen Präraffaeliten, nach den Landschaften Giovanni Segantinis oder Ferdinand Hodlers; sie brachen sich Stücke aus dem Werk der französischen Kubisten oder Franz Marcs farbenfrohen Abstraktionen. Er schleifte wie an Saugnäpfen das Märchenpersonal der deutschen Romantik ins zwanzigste Jahrhundert, dazu Kinderbuchillustrationen, Jugendstilornamente und fromme Folklore. In manischer Produktivität ballte Madlener alles in seinen Bildern zusammen, besessen davon, ihnen doch Ordnung zu geben, eine Komposition, um über die zerfieselnden Details zu herrschen.

          Vordergründig mochte der zuerst tiefreligiöse Künster dabei Jesus, Maria, Feen, Jungfrauen - mit Vorliebe auch Schafe - malen; am Ende landete er doch bei elektrischem Licht, Revuepalästen und Kristallstrukturen. Zu grell leuchten die Heiligenscheine, zu pflanzlich ornamental gerät ihm das Jüngste Gericht. Die naturwissenschaftliche Entdeckung von elektromagnetischen Wellen, Röntgenstrahlen und anderen unsichtbaren Kräften hatte weltweit spiritistische Bewegungen in Bann gezogen. Auch Madlener hielt sich in diesem Sinne für einen Forscher, einen Entdecker des Unsichtbaren: Er malte sich selbst im weißen Kittel, der Berufskleidung von Ärzten und Chemikern.

          Seine Ausbildung hatte er als Dekorationsmaler erhalten, von 1904 an auch in Kursen an der Akademie der Bildenden Künste in München. Er zeichnete zunächst humoristische Bildfolgen für Satirezeitschriften, Weihnachtsbilder für Kunstdruckverlage und Kinderbuchillustrationen. Nach ersten Ausstellungserfolgen baut er seiner Familie eine Holzvilla in Memmingen, 1927 das Sommerhaus im Stadtteil Eisenburg.

          Von jetzt an beginnen die spiritistischen Séancen, Madlener nennt es "medial malen". Nach eigener Einschätzung sind die unzähligen abstrakten Zeichnungen das Produkt höherer Kräfte. Die übersinnlichen Begegnungen werden in mit Schreibmaschinen verfassten Protokollen festgehalten - so auch auch jene vom Januarabend 1935, als im Bayerischen Wald Vincent van Gogh, Frau Refle und Jules Verne (in dieser Reihenfolge) erschienen. Van Gogh, notiert das Protokoll, sprach an diesem Abend (auf Deutsch) von der "heiligen Inspiration" und der "Vermählung mit dem seligen Empfinden". Mut sprach er seinem Memminger Seelenbruder außerdem zu: "Du stehst noch nicht am Höhepunkt Deiner Kraft", sagte er. Und ging.

          Aus dem Jahr 1939 stammt ein Zyklus, in dem sich Madlener deutlicher als je zuvor oder danach auf zeitpolitische Ereignisse bezieht: Mit Bleistift zeichnet er Hitler, Uniformierte und Soldaten. Hatte er seine ausserweltlichen Gestalten stets in Licht und Farbe getaucht, überzog er nun die Kriegstreiberköpfe mit einer Kruste aus Splittern, Spitzen und Stacheln.

          Tausend Gemälde und mehrere tausend Grafiken hinterließ Madlener der Heimatstadt Memmingen bei seinem Tod 1967. Zu Lebzeiten zeigte er keines der spiritistischen Bilder aus dem Spätwerk. Seine Zeitgenossen kannten ihn nur als Heimatmaler und Weihnachtsillustrator.

          Nach welcher Vorlage Madlener einst den zipfelbärtigen Berggeist geschaffen hatte, ist bisher unbekannt. Die Vermutung liegt nahe. Höhere Wesen befahlen: Gandalf malen!

          JULIA VOSS

          Joseph Kiermeier-Debre und Fritz Franz Vogel (Hrsg.): "Josef Madlener". Mein Kosmos. Böhlau Verlag, Köln 2007. 320 S., br., 29,90 [Euro].

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