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: Töten war so leicht wie Wassertrinken

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Die Anklageliste gegen Charles Taylor, der nach einer zehnmonatigen Prozesspause nun wieder im niederländischen Den Haag vor dem UN-Sondergerichtshof für Sierra Leone steht, ist lang: Befehligung und Anstiftung zu Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, darunter Ausrottung, Vergewaltigung, ...

          Die Anklageliste gegen Charles Taylor, der nach einer zehnmonatigen Prozesspause nun wieder im niederländischen Den Haag vor dem UN-Sondergerichtshof für Sierra Leone steht, ist lang: Befehligung und Anstiftung zu Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, darunter Ausrottung, Vergewaltigung, Versklavung, Kollektivstrafen gegen die Zivilbevölkerung und Rekrutierung von Kindersoldaten wirft ihm die Anklage vor. Dass der ehemalige liberianische Staatspräsident diese Verbrechen im eigenen Land begangen hat, steht für viele außer Frage. Doch diesmal geht es nicht um Liberia, sondern um das Nachbarland, um Sierra Leone. Dort unterstützte Taylor die Rebellenarmee RUF, in der fast 20 000 Kindersoldaten kämpften und die das Land in den Jahren 1991 bis 2003 terrorisierte. Die "small soldiers" will das Gericht nicht anklagen; die Öffentlichkeit solle vielmehr erfahren, wie es zu den Rekrutierungen und den von Kindern begangenen Verbrechen kommen konnte, erklärte Stephen Rapp, Chefankläger des UN-Tribunals, unlängst in einem Interview.

          Die grüne Schlange

          Kinder, die töten, manchmal sogar die eigene Familie. Kinder, die vergewaltigen, plündern und morden, scheinbar ohne jede Hemmung - vieles ist darüber geschrieben worden, wie sich Kinder in Tötungsmaschinen verwandeln können. Die Schlagwörter, mit denen man das Unerklärliche zu erklären versucht, lauten: Zwang, gewalthafte Initiationsriten, psychische Abhängigkeit von ihren "Kommandanten" und Abstumpfung durch Drogen. Doch jetzt meldet sich zum ersten Mal ein junger Mann, der den Wandel vom ganz normalen Jungen zum Kindersoldaten am eigenen Leib erlebte, mit einem verstörenden Buch zu Wort: Ishmael Beah, siebenundzwanzig Jahre alt, wurde in Sierra Leone mit zwölf Jahren als Kämpfer rekrutiert. Fast drei Jahre diente er in der sierra-leonischen Nationalarmee, kämpfte gegen die Krieger der Rebellengruppen und somit auch gegen die "small soldiers" von Charles Taylor - dass er in die Fänge der Gegenseite geriet, war purer Zufall.

          "Töten war so leicht geworden wie Wassertrinken", schreibt er in seinem Buch "Rückkehr ins Leben. Ich war ein Kindersoldat", das in Amerika wochenlang die Bestsellerlisten anführte und nun auf Deutsch erschienen ist. "Meine Einheit war meine Familie, mein Gewehr ernährte und beschützte mich, und mein Motto lautete: Töte oder du wirst getötet." Als einen Jungen, dessen Stirn vor lauter Glück glänze, beschrieb ihn seine Mutter stets - schon als kleines Baby habe Ishmael im Schlaf immer gelächelt. Fußballer oder Rapper wollte er werden, mit seinen Freunden übte er Singen und Tanzen, in einem Dorf in Sierra Leone. Eine einzige Musikkassette besaß er, mit Stücken von Naughty by Nature, LL Cool J und Run DMC. Doch dann begann der Krieg in Liberia. Als die Kämpfe sein Dorf erreichten, waren Ishmael, sein Bruder Junior und ihr Freund Talloi gerade auf dem Weg zu einem Rap-Talentwettbewerb.

          Doch ihr Ziel erreichten sie nie, stattdessen beginnt eine wochenlange Flucht durch den Dschungel, an deren Ende die Rekrutierung Ishmaels als Kindersoldat steht. Zwölf Jahre ist er alt, als er den ersten Rebellen tötet. Weil er sich so gut anschleichen und foltern kann, wird er bald nur noch Beah, "die grüne Schlange", genannt. Den Krieg schildert Beah nur auf wenigen Seiten, genauso wie die Rettung. Erst in der Therapie erinnert er sich an die vielen Details, daran, wie er als Kindersoldat Menschen quälte. Ausführlich widmet er sich jedoch der Flucht der drei Jungen vor den Rebellen. Was sie in den verwüsteten Dörfern erleben, erweckt ihren Hass und kündigt die wachsende Verrohung an - mit jedem Tag der Reise stirbt von den Jungen ein Stück mehr. "Selbst einem Zwölfjährigen durfte man nicht mehr trauen", beschreibt Beah die Reaktionen der Menschen, denen sie begegnen.

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