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: Tödlichste Waffen für das Arsenal des "Führers"

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Wissenschaftsgeschichte erreicht nur selten die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Da braucht es wohl schon die Erinnerung an Heroen wie Albert Einstein oder die Spekulation um eine Atombombe Hitlers. So erfaßte das allgemeine Interesse an der Verantwortung der Eliten des "Dritten Reiches" für Verbrechen und Krieg auch erst spät die Gruppe der Naturwissenschaftler.

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          Wissenschaftsgeschichte erreicht nur selten die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Da braucht es wohl schon die Erinnerung an Heroen wie Albert Einstein oder die Spekulation um eine Atombombe Hitlers. So erfaßte das allgemeine Interesse an der Verantwortung der Eliten des "Dritten Reiches" für Verbrechen und Krieg auch erst spät die Gruppe der Naturwissenschaftler. Die Max-Planck-Gesellschaft veröffentlicht seit dem Jahr 2000 Studien eines Forschungsprogramms, mit dem die Geschichte der Vorläuferorganisation, der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG), im Nationalsozialismus kritisch unter die Lupe genommen wird. Der vorliegende 11. Band kann ganz besondere Aufmerksamkeit beanspruchen. Hier hat sich der Autor einem wesentlichen Schwerpunkt der kriegswichtigen Forschung zugewandt. Von über 40 Instituten der KWG waren nicht weniger als 7 in die Kampfstoff- und Gasschutz-Forschung involviert: an ihrer Spitze das Kaiser-Wilhelm-Institut für physikalische Chemie und Elektrochemie, das bereits 1914 vom späteren Nobelpreisträger Fritz Haber auf die Chemiewaffenforschung ausgerichtet worden war. Im engen Verbund von Wissenschaft, Militär und Industrie war ein Komplex entstanden, der Deutschland bis 1945 einen sicheren Vorsprung bei Einsatz und Entwicklung der ersten modernen Massenvernichtungswaffe des 20. Jahrhunderts ermöglichte. Bis auf den Namen Haber und sein tragisches Schicksal als begnadeter Wissenschaftsorganisator, als Patriot und Jude ist bis heute kaum etwas über diese Forschergruppe und ihre scheinbar dunklen Machenschaften ins öffentliche Bewußtsein gedrungen.

          Im Mittelpunkt dieser kenntnisreichen historischen Studie steht die Analyse der Forschungsprojekte, die seit 1933 im Rahmen der KWG durchgeführt worden sind und Hitler die tödlichste Waffe seines Rüstungsarsenals geliefert haben. Erstmalig ist damit ein fundierter Überblick möglich, der - von einem Nichtchemiker verfaßt - auch für den Laien gut verständlich geschrieben ist. Mit klarer Systematik werden auf der ersten Ebene die einzelnen Projekte und Institute untersucht, jeweils abschließend in Zusammenfassungen bewertet. Auf einer zweiten Ebene werden die unterschiedlichen Kooperationsformen von Wissenschaft, Chemieindustrie, Militär und nationalsozialistischem Staat beleuchtet. Dabei interessieren nicht nur strukturelle und personelle Verflechtungen, sondern auch die Dynamik der Entwicklung und die Handlungsspielräume der beteiligten Wissenschaftler.

          Anders als im Falle Habers im Ersten Weltkrieg hat die chemische Waffenforschung in Hitlers Weltenbrand keine namhafte Persönlichkeit hervorgebracht. Der Autor hat dem biographischen Aspekt daher besondere Aufmerksamkeit gewidmet und die wissenschaftlichen Porträts der Verantwortlichen auch mit bislang unbekannten Fotos ausgestattet. Der Band bewährt sich in dieser Hinsicht einmal mehr als ein künftig unverzichtbares Nachschlagewerk für einen der wichtigsten Forschungsbereiche des "Dritten Reiches".

          Zum komplexen Bereich von Forschung, Entwicklung und Produktion gehörten bei den Chemiewaffen auch umfangreiche Menschenversuche. Sie wurden teilweise an KZ-Häftlingen durchgeführt, oft mit tödlichem Ausgang. Im arbeitsteiligen System konnten dafür nach 1945 nur wenige Verantwortliche namhaft gemacht und bestraft werden. Die Mehrzahl der Wissenschaftler hat diese Begleiterscheinung ihrer Forschungen, sofern sie davon Kenntnis erhielten, ignorieren können. Nach ihrem Selbstverständnis betrieben sie "reine" Grundlagen- oder Zweckforschung, wofür die politische Gesinnung der Forscher letztlich ebenso irrelevant gewesen ist wie ihre Religions- oder Rassenzugehörigkeit. Die These des Autors, wonach die Ausschaltung jüdischer Wissenschaftler "als strukturelle Voraussetzung für die Ressourcenumleitung" angesehen werden müsse, erscheint eher fraglich. Ihre Entlassung Mitte der dreißiger Jahre entsprach allein politischen Vorgaben. Aber natürlich machte sie den Weg frei für manchen Karrieristen.

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