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Risiken für die Menschheit : Die nahe Zukunft als russisches Roulette

  • -Aktualisiert am

Blick in die Mündung eines Revolvers (Symbolbild) Bild: dpa

Toby Ord denkt über existentielle Gefahren für die Menschheit nach. Interstellare Außenposten sind offenbar nicht das Mittel, um Asteroiden, nuklearem Winter und Pandemien zu entkommen.

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          Die Menschheit, so schreibt der Oxforder Philosoph Toby Ord, ähnele einem Halbwüchsigen: Während die physischen Kräfte rasant zunehmen, mangelt es noch an Weisheit, Selbstbeherrschung und einer Reflexion des eigenen Handelns. „The Precipice“ („Der Abgrund“) hat das Ziel, der Menschheit den Weg ins Erwachsenenalter zu weisen. Das ist nicht eben ein bescheidener Anspruch, doch Ord denkt – und darin liegt die Wucht dieses Buchs – nicht in Jahren, sondern in Zeitaltern, nicht aus der Perspektive des Einzelnen, sondern der Spezies.

          Aus diesem Blickwinkel sieht er uns am Anfang einer noch kaum absehbaren Reise. Nur 200.000 Jahre hat Homo sapiens gebraucht, um eine den Planeten umspannende Zivilisation aufzubauen, mit Konzerthäusern, einer Raumstation und einer universalen Menschenrechtserklärung. Das Universum dürfte noch 150 Milliarden Jahre existieren; 20 Milliarden Galaxien, so schätzt Ord, könnten wir theoretisch erreichen. Seine Sorge ist, dass wir diese vielleicht einmalige Zukunft intelligenten Lebens verspielen.

          „The Precipice“ ist das Destillat aus Ords langjähriger Arbeit am Future of Humanity Institute der Universität Oxford, wo er die Forschung zu existentiellen Risiken mit angestoßen hat. Zuvor hatte Ord sich als Begründer des effektiven Altruismus einen Namen gemacht – einer Bewegung, die danach strebt, möglichst wirkungsvoll Gutes zu tun. Unterstützer verpflichten sich, zehn Prozent ihres Einkommens an die effektivsten Wohlfahrtsorganisationen zu spenden, wobei Effektivität in gewonnenen Lebensjahren pro Dollar gemessen wird. Der effektive Altruismus und die Sorge um existentielle Risiken stehen in einem direkten Bezug, denn für Ord ist ein Risiko dann existentiell, wenn es das „menschliche Potential“ auf lange Sicht bedroht. Eine existentielle Katastrophe müsste zwar nicht das Ende der Menschheit, aber eine so tiefe Zäsur bedeuten, dass es praktisch keine Hoffnung gäbe, auf das Niveau unserer heutigen Zivilisation zurückzukehren – und folglich auch keine Chance, darüber hinauszugelangen. Der existentielle Risikofall bedroht damit zugleich jene Menschenleben, die in einer glücklicheren Zukunft noch möglich wären.

          Drei Kategorien der existentiellen Risiken

          Ord unterteilt die existentiellen Risiken in drei Kategorien. Die „natürlichen Risiken“ begleiten uns schon lange. Der Einschlag eines Asteroiden, der Ausbruch eines Supervulkans oder eine extrem tödliche Pandemie hatten seit jeher das Potential, die Menschheit auszulöschen. Dazu kommen exotischere Gefahren wie die einer Sternenexplosion, des Vakuumzerfalls oder eines Angriffs von Aliens. Diese Szenarien dominieren Hollywood, Ord machen sie weniger Sorgen: Fossile Funde und physikalische Erkenntnisse erlauben vergleichsweise belastbare Prognosen, und Ord schätzt ihr kombiniertes Risiko für die nächsten hundert Jahre auf 1 zu 10.000.

          Für weitaus gewichtiger hält er die „anthropogenen Risiken“, die wir Menschen selbst erzeugen. In diese Kategorie fällt die Gefahr eines nuklearen Winters, der zu einer jähen Eiszeit und dem Kollaps aller staatlichen Strukturen führen würde, aber auch ein sich beschleunigender Klimawandel und eine massive Umweltzerstörung. Noch größere Sorgen bereiten Ord „zukünftige Risiken“, die sich aus dem technologischen Fortschritt erst ergeben werden. Gefahren sieht er dabei vor allem in der Entwicklung unkontrollierbarer Künstlicher Intelligenz und den Möglichkeiten der synthetischen Biologie, etwa zur gezielten Auslösung von Pandemien. Zudem dürfte es Risiken geben, die wir noch gar nicht absehen können: Leo Szilard dachte an eine nukleare Kettenreaktion erst 1933, also zwölf Jahre vor Abwurf der ersten Atombombe.

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