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Risiken für die Menschheit : Die nahe Zukunft als russisches Roulette

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Das kumulative existentielle Risiko für die nächsten hundert Jahre schätzt Ord auf 1 zu 6, die Menschheit spiele mit ihrer eigenen Zukunft russisches Roulette. Die Abschätzung wirkt insgesamt gut begründet. Ords langfristige Prognose dagegen ist überraschend optimistisch. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Menschheit auf lange Sicht überleben und ihr „kosmisches Potential“ entfalten werde, beziffert er auf immerhin fünfzig Prozent. Dass sich folglich ein Drittel des existentiellen Risikos auf die kommenden hundert Jahre konzentriere, begründet Ord mit seiner Zuversicht, dass die Menschheit in dieser Zeit schlagkräftige globale Institutionen errichten wird, die unser Handeln fortan koordinieren. Und sollte das nicht gelingen, werde unsere Zivilisation ohnehin eher früher als später ein Ende finden – denn ein so risikoreicher Zustand wie der heutige lasse sich nicht lange aufrechterhalten.

Alle Außenposten wären bedroht

In Science-Fiction-Filmen gelingt es oft kleinen Außenposten, Katastrophen zu überstehen, und auch Ord hält eine Besiedelung anderer Planeten schon allein deswegen für sinnvoll, weil wir uns so vor lokalen Gefahren schützen können. Doch wie er selbst bemerkt, böte selbst eine interstellare Ausbreitung nur begrenzten Schutz. Denn sollten wir einst auf eine Technologie stoßen, die unsere Zivilisation destabilisiert, so würde die Entdeckung gleichermaßen alle Niederlassungen bedrohen. Langfristig aber dürfte die größte Gefahr von unentdeckten Technologien ausgehen. Ließe sich eine Atombombe etwa mit Materialien aus dem Baumarkt fertigen, könnte die Menschheit auch mit den robustesten Institutionen nicht lange überdauern.

In Anbetracht der Weite und Unwägbarkeit einer Zukunft, die sich über Milliarden Jahre erstrecken könnte, drängt sich daher die Frage auf, ob Ord seine Leser durch die optimistische Prognose für die Zukunft vielleicht auch motivieren möchte. Denn: Je besser die langfristige Aussicht, desto höher die Klippe, von der wir heute in den Abgrund schauen, und desto tragischer wäre es, wenn wir jetzt alles verspielten.

„The Precipice“ ist ein Buch, das verblüfft, weil es eine eigentlich naheliegende Frage wissenschaftlich fundiert angeht: Welche Gefahren bedrohen unsere Spezies, und wie können wir ihnen wirksam begegnen? Ord greift auf fundierte Kenntnisse vieler Fächer zurück, von den Geowissenschaften über die Informatik und Epidemiologie bis zur Astrophysik, die es ihm erst erlauben, existentielle Risiken kompetent zu diskutieren. Doch er tut dies aus einer dezidiert philosophischen Perspektive: Er strukturiert Fragen und Probleme, entwickelt Begriffe und Unterscheidungen, kennzeichnet normative und epistemische Unsicherheiten. Dabei richtet er sich an die breitere Öffentlichkeit, technische Details verbannt er in den Appendix und auf hundertdreißig Seiten Endnoten.

Dass Ord sein Buch nicht nur uns und unseren Ahnen widmet, sondern auch jenen Billionen Menschen „um deren Existenz es geht“, ist unnötiges Pathos. Allgemein aber schreibt er nüchtern, mit beeindruckender analytischer Schärfe und einem Blick fürs große Ganze. Auch wer Ords Einschätzungen anzweifelt oder seine konsequentialistische Grundhaltung ablehnt, wird anerkennen müssen: Für eine Spezies, die hundertmal mehr Geld für Eiscreme ausgibt als für die Erforschung und Prävention existentieller Risiken, ist sein Vergleich mit einem pubertierenden Jugendlichen nachgerade großmütig.

Toby Ord: „The Precipice“. Existential Risk and the Future of Humanity. Bloomsbury Publishing, London, 2020. 480 S., geb., 27,– €.

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