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Tobias Keiling (Hrsg.): Heideggers Marburger Zeit : Ein Bretterschuppen als Ort der Moderne

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag Vittorio Klostermann

Zur Zeit kam hier das Sein: Ein neuer Sammelband mit überaus eindringlichen Interpretationen zeigt, wie Martin Heidegger mit seinem Denken in Marburg aufs Ganze ging.

          In Marburg, so schrieb Martin Heidegger im Mai 1928 an Karl Jaspers, habe er sich „keine Stunde wohlgefühlt“. Später hörte sich das anders an. In der gewiss nicht nur verklärenden Rückschau nahm der Philosoph die fünf Marburger Jahre als die aufregendste, konzentrierteste, ja glücklichste Phase seines Lebens wahr. Dies nicht von ungefähr, erzielte er doch in der kleinen hessischen Universitätsstadt einen außergewöhnlichen Lehrerfolg.

          Seine bedeutendsten Schüler - Hans-Georg Gadamer, Gerhard Krüger, Karl Löwith, Hannah Arendt, Walter Bröcker, Hans Jonas und Leo Strauss - gingen von hier aus ihre eigenen philosophischen Wege. Während der Marburger Zeit arbeitete Heidegger seine bereits in Freiburg angedachte „Hermeneutik der Faktizität“ aus zu der in „Sein und Zeit“, einem philosophischen Schlüsselwerk des zwanzigsten Jahrhunderts, vorgelegten Fundamentalontologie. Früh verband ihn eine Arbeitsgemeinschaft und Freundschaft mit dem evangelischen Theologen Rudolf Bultmann, dessen Interesse an einer abstandslosen Auslegung des von fern her kommenden Wortes Gottes mit dem seinen an einer vortheoretischen Selbstartikulation des Daseins konvergierte.

          Eindringliche Interpretationen des Werks

          Im Sommersemester 1924 eröffnete Heidegger sein Aristoteleskolleg mit der Bemerkung, an der Persönlichkeit eines Philosophen habe „nur das Interesse: er war dann und dann geboren, er arbeitete und starb“. Allenfalls der Endlichkeit des Lebens galt es in diesem Kontext zu gedenken. Die Aufmerksamkeit des Kollegs aber hatte sich auf das Gedachte und das zu Denkende zu richten. Die nunmehr publizierten Beiträge zu einer Nachwuchstagung der Martin-Heidegger-Gesellschaft, die im November 2011 in Marburg stattfand, halten sich an die Direktive des Meisters von 1924. Sie sehen von zeithistorischen oder gar biographischen Aspekten des Wirkens Heideggers im Marburg der 1920er Jahre ab. Die eigentümliche Blüte zumal der Marburger Geisteswissenschaften nach dem Ersten Weltkrieg hat ja auch Gadamer schon in seinen „Philosophischen Lehrjahren“ ebenso authentisch wie geistvoll beschrieben.

          Die Beiträger vergegenwärtigen also das von Heidegger Gedachte und gehen dabei mitunter auch das über ihn hinaus zu Denkende an. Zentrale Begriffe, Motive und Themen seines Philosophierens werden eindringlichen Interpretationen unterzogen, die Eigentlichkeit des Daseins, die sprachliche Auslegung des eigentlichen Lebens im Gegenüber zum Gerede des „Man“, die Angst und der Ruf des Gewissens, die Zeitlichkeit des Daseins und deren Konkretionen in der Erfahrung der Geschichte. Es ist, wie sich herausstellt, nicht ein einziger Denkweg, der auf „Sein und Zeit“ zuläuft.

          Artistoteles damals Hauptimpulsgeber

          Dann bricht Heidegger die Marburger „Übergangsarbeit“ ab, weil er glaubt, aus der Zeitlichkeit des Daseins die Philosophie doch nicht angemessen entfalten zu können. Gleichwohl kann man auf den in „Sein und Zeit“ eingeschlagenen Denkwegen weiterhin gut unterwegs sein. Eine Philosophie, die dem Möglichen mehr zutraut als dem, was an Wirklichem festzustellen ist, die das vermeintlich Selbstverständliche noch einmal ganz neu, mehr als selbstverständlich erscheinen lässt, vermag wahrlich offene Räume zu erschließen.

          Nebenbei bringt der Band zu „Heideggers Marburger Zeit“ in Erinnerung, dass er in der Auseinandersetzung mit der abendländischen Überlieferung aufs Ganze ging. Aristoteles war sein Hauptimpulsgeber in jenen Jahren, daneben forderten ihn Leibniz, Kant und Kierkegaard, Paulus, Augustin und Luther, Franz von Brentano, Edmund Husserl und Emil Lask heraus, nicht zu vergessen der Briefwechsel zwischen Wilhelm Dilthey und dem Grafen Paul Yorck von Wartenburg. Heideggers Philosophieren war mithin alles andere als das antirationale „raunende Denken“ eines Waldschrats, wie manche Kritiker gemeint haben.

          Als Rückzugsort ein Bretterverschlag

          Allerdings inszenierte Heidegger sich und sein Philosophieren gerade in Marburg in einer emphatisch antibürgerlichen und unakademischen Weise. Der Ort, der seinem Denken gemäß war, dürfte schon damals seine Hütte im Hochschwarzwald gewesen sein. Was Max Kommerell - keineswegs abschätzig - einen „Bretterschuppen“ genannt hat, wurde dem Philosophen nicht allein zum Refugium angesichts des oberflächlichen urbanen Lebens, sondern vor allem zu dem Ort, an dem er im Einfachen das Wesentliche entdeckte. Insofern war die Hütte ein Ort der Moderne, zumal nach dem Kulturschock des Ersten Weltkrieges.

          Als Denker der Moderne aber vollzieht Heidegger die Auseinandersetzung mit der philosophischen Tradition in einer für ihn bezeichnenden Bewegung. Platons Höhlengleichnis inszeniert den Aufstieg des Denkens in die Höhen der Metaphysik. Ihm setzt Heidegger ein Denken entgegen, das sich „auf dem Abstieg in die Armut seines vorläufigen Wesens“ weiß, auf einem Abstieg, der „in die Armut der Ek-sistenz des homo humanus“ führt. Die „Destruktion“ der Überlieferung aber soll dazu dienen, Möglichkeiten, die dem Menschen verlorengegangen sind, wiederzuentdecken.

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