https://www.faz.net/-gr3-6w1za

Tobias Hürter: Du bist, was du schläfst : Schluss mit den Voreiligkeiten bei Schlaf, Hirn und Traum!

  • -Aktualisiert am

Bild: Verlag

Die Popularisierung von Forschung hat besonderen Qualitätsmaßstäben zu genügen. Tobias Hürters Buch über die Schlafforschung zeigt, was alles schiefgehen kann.

          5 Min.

          Es genau zu fassen fällt nicht leicht: Warum ist ein gefällig geschriebenes, hier und dort durchaus informatives populärwissenschaftliches Buch insgesamt doch ärgerlich, wenn es seinen Gegenstand lediglich unkonzentriert umkreist? Gegen leichtfüßige Berichterstattung - namentlich über die sich rasch verändernden naturwissenschaftlichen Forschungsfronten - ist ja zunächst nichts einzuwenden. Keiner will sich als Laie durch Tausende von Fachartikeln wühlen, um auf dem Laufenden zu sein, was sich in wissenschaftlichen Modegebieten wie der Kognitions- und Hirnforschung oder auch bei den Dauerbrennern „Weltall“, „Gene“ und „Emotionen“ alles so tut.

          Popularisierung ist also hilfreich. Aber. Und hier mag das erwähnte Ärgerlichkeitsproblem seine Wurzeln haben: Popularisierung ist eine Kunst. Die großen Metaphern des Rätsellösens, des Endlich-Antworten-Findens sowie der Unglaublichkeit des Neuen verfehlen das ebenso wie um der Verständlichkeit willen grell umlackierte Themen oder herbeigeredete Lebensbedeutsamkeit von dem, was doch Grundlagenfragen sind. Weder ist Forschung an sich so langweilig, dass man ihren Betrieb oder ihre Gegenstände bunt ausleuchten müsste, um sie reizvoll zu vermitteln. Noch finden Menschen nur interessant, was mit dem Versprechen garniert ist, hier erfahre man Alltagsnützliches oder hier lerne man - ganz persönlich - etwas über sich selbst.

          Wir freuen uns am Ganzen

          An solchen Vorüberlegungen gemessen, erscheint „Du bist, was du schläfst“ als populärwissenschaftlicher Überblick passabel. Das leicht lesbare, mit Zeichnungen zum Schmunzeln garnierte Büchlein des Wissenschaftsjournalisten Tobias Hürter ist dem aktuellen Stand der Schlaflaborforschung gewidmet. Auf dem Umschlag prangen Sätze wie „Schlau im Schlaf?“ und „Immer neue unglaubliche Fakten über das Schlafen entdeckt die Wissenschaft“. Im Inneren des Buches geht es weniger reißerisch zu. In der idealtypischen Reihenfolge einer Nacht - nette Idee: Die Kapitelzählung ist durch Uhrzeiten vom Einschlafen bis zum Aufwachen ersetzt - behandelt Hürter allerlei Wissenswertes rund um das schlafende Hirn: Nicht der Körper insgesamt ermüdet, sondern das neuronale Netzwerk im Kopf.

          Dies scheint ebenso gesichert wie die Tatsache, dass das Hirn im Schlaf dennoch eher aktiver ist als im Wachen. Darüber hinaus ist nahezu alles unklar. Wie Wachen und Schlafen präzise zu unterscheiden sind, welche Funktion im Labor beobachtbare „Schlafphasen“ haben, ob die in Industrieländern geübte Schlafpraxis (einmal täglich acht Stunden) die physiologisch gesündeste ist - und warum Lebewesen überhaupt schlafen müssen: das alles sind offene Forschungsfragen. Seit einem guten Jahrhundert hat die Empirie zunächst die Schlaferfahrung, dann die physiologischen Daten des schlafenden Körpers und schließlich Hirnmessungen zum Schlaf in Arbeit. Durch die Brillen der Disziplinen sieht man vieles, aber beinahe genauso viel ist fraglich. Hürters Bericht gleicht hier einem Streifzug. Wir nehmen die eine oder andere Einsicht mit - und irgendwie freuen wir uns am Ganzen.

          Bevor der Wecker klingelt

          Das Problem schleicht freilich eben mit jenem Eindruck heran: ein beschauliches Ganzes vor sich zu haben. Hürter inszeniert womöglich weniger sein Objektfeld Schlaf als vielmehr Wissenschaft als großes Kino. „Erstaunt stellte ich fest, dass die Wissenschaft dabei ist, diese Rätsel zu lösen“, heißt es in der Einleitung, in welcher der Autor (der seine Leser in amerikanischer Manier vielfach direkt anspricht) sich selbst als zunächst „unwilligen“, inzwischen aber begeisterten Schläfer vorstellt. Forscher „haben begonnen“, die Welt zu erschließen, der wir uns im Schlaf zuwenden, sie stellen „clevere“ Experimente an: In diesem Duktus wird Wissenschaft als Abfolge von „Entdeckungen“ und wird die Schlaflaborforschung im Schema einer immer neuen Beseitigung von Irrtümern präsentiert. Spektakuläre „Fakten“ ersetzen falsche Vorstellungen.

          Bitte Ruhe: Im Schlaflabor gedeiht der maschinell erzeugte Traum vom wissenschaftlichen Erweckungserlebnis
          Bitte Ruhe: Im Schlaflabor gedeiht der maschinell erzeugte Traum vom wissenschaftlichen Erweckungserlebnis : Bild: dpa

          Dieses Darstellungsmuster steht in seltsamem Kontrast zum - offenkundig ja eher ungeklärten - Objektfeld. Vor allem aber auch zu dem, was Hürter zugleich ebenso betont: wie wenig man erst wisse, wie ratlos Schlafforscher sind, wie nachhaltig ungelöst alles ist. Unterscheidbarkeit von Wachen und Schlaf? „All die Messtechniken genügen nicht.“ Schlafbedarf? „Wir brauchen so viel Schlaf, wie wir brauchen - eine bessere Antwort haben die Schlafforscher nicht.“ Einschlafmyoklonie (das sind die plötzlichen Muskelzuckungen beim Wegdämmern)? „Eine gesicherte Erklärung gibt es dafür nicht.“ „Viele Menschen wachen immer ein paar Minuten vor dem Wecker auf. Wie ihnen das gelingt, weiß allerdings niemand.“ Und so fort.

          Weitere Themen

          Nobelpreise für Physik und Chemie verliehen Video-Seite öffnen

          Berlin : Nobelpreise für Physik und Chemie verliehen

          Bereits im Oktober war es verkündet worden, nun verlieh der schwedische Botschafter in Berlin die Preise in Physik und Chemie an die zwei Forscher aus Deutschland.

          Topmeldungen

          Livestream : Glückwünsche für den neuen Kanzler

          Der Bundestag wählt Olaf Scholz mit 395 Stimmen zum neuen Kanzler. Nun sollen der SPD-Politiker und sein Kabinett ernannt und vereidigt werden. Dann kann die Regierung aus SPD, Grünen und FDP die Arbeit aufnehmen. Verfolgen Sie die Geschehnisse im Livestream.

          Transport von Corona-Patienten : Kleeblatt im Einsatz

          Immer mehr Corona-Intensivpatienten werden innerhalb Deutschlands verlegt, weil die Behandlungsplätze knapp sind. Rettungswagen, Busse und Flugzeuge müssen dafür speziell gerüstet sein.