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Timothy Snyder: Bloodlands : Im Kerngebiet des Todes

  • -Aktualisiert am
22. August 1940: „Rumänien auf dem Tisch“. Karikatur von David Low aus dem Buch „13 Jahre Weltgeschehen“.
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          Hitler und Stalin kennt jeder. Im Fragebogen des F.A.Z.-Magazins wurden sie regelmäßig als die am meisten zu verachtenden historischen Persönlichkeiten genannt. Und in der Tat kann kein Zweifel daran bestehen, dass beide mit den von ihnen initiierten Verbrechen das 20. Jahrhundert zu dem blutigsten der Geschichte gemacht haben. Unzählige Bücher sind über die nationalsozialistischen und sowjetischen Verbrechen geschrieben worden, und doch schafft es Timothy Snyder in seinem Werk, einen neuen Weg zu gehen: Er durchbricht die bisherigen Ansätze einer vielfach nationalen Darstellung und erzählt stattdessen die Geschichte eines Raumes: den „Bloodlands“ - jenem Gebiet zwischen Zentralpolen und Westrussland, in dem zwischen 1933 und 1945 14 Millionen Zivilisten von beiden Regimen getötet wurden und dessen Monstrosität auch noch das asiatische Pendant im Norden Chinas übertraf. In diesem Kerngebiet des Todes entwickelte sich eine Vernichtungsmaschinerie, die dem Zweiten Weltkrieg seine spezifische Signatur als dem opferreichsten Konflikt der Geschichte verlieh.

          Snyder beginnt seine Darstellung mit einer knappen Skizze des Ersten Weltkrieges und der Revolutionszeit, setzt dann 1933 mit Stalins Hungerpolitik ein, schildert den Großen Terror der Jahre 1937/38, die Auslöschung Polens durch Deutschland und die Sowjetunion, den Krieg beider Staaten gegeneinander und die damit einhergehende Gewalteruption, die Ermordung der sowjetischen Kriegsgefangenen, die deutsche Hungerpolitik, die Partisanenbekämpfung, den Holocaust und schließlich die Vertreibungen in Osteuropa bei Kriegsende. Es ist der große Vorzug dieses Buches, unter Einbeziehung der Perspektive der osteuropäischen Bevölkerung die deutschen und sowjetischen Untaten gemeinsam unter die Lupe zu nehmen. So werden die Ähnlichkeiten und vor allem die Unterschiede in Intention und Umsetzung erst richtig deutlich.

          Noch vor zehn oder zwanzig Jahren wäre es dem akademischen Selbstmord gleichgekommen, einen solchen Ansatz zu wählen. Doch die Zeiten ändern sich. Mit der zunehmenden Historisierung wird auch die Geschichtsschreibung über die Massenverbrechen des Zweiten Weltkrieges weniger stark von Emotionen geprägt. Und gerade jüngere Kollegen schlagen neue Wege ein und lassen die Eindimensionalität früherer Tage hinter sich. Jeder, der nicht nur an Moralurteilen, sondern an wissenschaftlichen Erkenntnissen interessiert ist, muss vergleichend arbeiten. Dies gilt vor allem für die Geschichte Osteuropas, wo erst der kommunistische, dann der nationalsozialistische und dann wieder der kommunistische Terror zu einer einzigartigen Gewalteruption führten.

          Wer sich also für Polen, Weißrussland, die Ukraine und das Baltikum interessiert, kann die nationalsozialistischen und die sowjetischen Massenverbrechen nicht isoliert voneinander betrachten. Überzeugend stellt Snyder heraus, dass etwa die nichtjüdischen Polen unter der deutschen Besatzung in gleichem Maße litten wie unter der sowjetischen. Auch der Partisanenkrieg in der Sowjetunion bestand keineswegs nur aus den deutschen Greueltaten. In der Westukraine kämpften auch die polnische Heimatarmee, ukrainische Nationalisten und Sowjetpartisanen sowohl gegeneinander als auch gegen die Deutschen. Allein in Weißrussland töteten die Partisanen vor und nach der Befreiung Zehntausende Zivilisten bei Vergeltungsaktionen. Dies alles mindert nicht das Ausmaß deutscher Verbrechen, aber es macht deutlich, wie sehr gerade Weißrussland unter beiden Regimen zu leiden hatte. Bei Kriegsende war die Hälfte der Bevölkerung von den Deutschen und den Sowjets getötet oder umgesiedelt worden.

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