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Tim Wu: Der Master Switch : Degradierung einer großen Utopie

  • -Aktualisiert am

Tim Wu: „Der Master Switch“ Bild: Verlag

Der Fluch der amerikanischen Monopole: Tim Wus packende Mediengeschichte „The Master Switch“ sagt die Endphase im Kampf zwischen offenen und geschlossenen Systemen voraus.

          Wenn wir Maschinen das Sprechen beibringen, so fragte die „New York Times“ kürzlich, müssen wir ihnen dann auch das Recht auf freie Rede zugestehen? Es ist kein Zufall, dass diese recht knifflige Frage von Tim Wu aufgeworfen wurde. Der an der Columbia Law School lehrende Publizist ist dafür bekannt, die neuralgischen Punkte unserer technischen Moderne aufzuspießen. Sein Opus magnum, eine hellsichtige Makrogeschichte der elektronischen Medien (in Amerika) von der Erfindung des Telefons bis zum gegenwärtigen Kampf um die Netzneutralität, ist jetzt auf Deutsch erschienen und absolut lesenswert, auch wenn der Markt der Medienhistoriographien übersättigt scheint.

          Wu nähert sich seinem Gegenstand ganz von der Ökonomie her, quasi in maximaler Entfernung zur sehr deutschen Medienkulturgeschichte eines Friedrich Kittler, der Kriegführung und Tiefenpsychologie in den Vordergrund rückte. Die Überzeugungskraft der von der Netzgemeinde begeistert aufgenommenen Studie lässt sich auf drei Gründe zurückführen: Tim Wu hat erstens so gründlich recherchiert, dass er mit zahlreichen unbekannten Details verblüffen kann. Punktgenau arbeitet er jene Momente heraus, in denen offene Systeme - fast alle neuen Informationsmedien haben derart idealistisch begonnen - zu geschlossenen werden. Der exemplarischen Anekdote - zum Beispiel über den brutalen Abwehrkampf der führenden Telefongesellschaft gegen einen harmlosen Überstülp-Stimmdämpfer - räumt Wu stets den Vorrang gegenüber statistischen Überblicken ein. Damit ist schon das zweite Plus dieser Darstellung angedeutet: In bester angelsächsischer Manier kommt sie leicht und gewitzt daher, ohne leichtgewichtig zu sein. Drittens hat Wu ein Interesse: „The Master Switch“ ist ein Manifest.

          Die Politik und die Medienmonopole

          Der große historische Rückblick, der ein ums andere Mal belegt, wie kleine, intelligente Informationsindustrien zu Monopolkartellen heranwachsen und letztlich erfolglos weitere Gründer abwehren, dient vor allem der Unterfütterung der finalen Forderung, den Monopoltendenzen in der heutigen Internetökonomie regulierend entgegenzuwirken. Das vorgeschlagene „Separierungsprinzip“ ist an der Gewaltenteilung in der Politik orientiert. Der Autor will den Wettbewerb, dieses hehre Prinzip der kapitalistischen Wirtschaftsphilosophie, gestärkt sehen gegenüber den Auswüchsen des Kapitalismus, zumal er der Politik in dieser Hinsicht nicht vertraut. Diese arrangiere sich allzu gern mit Monopolen in der Informationsbranche, wie Wu an der Beziehung des Staates zur American Telephone & Telegraph Corporation (AT&T) belegen kann.

          Aus der Bell Telephone Company - hier ist Alexander Graham Bell zu sehen - ist eine Telefongesellschaft hervorgegangen, die das langlebigste Kartell in der Informationsindustrie des zwanzigsten Jahrhunderts darstellt

          Was Wu vorlegt, ist zu großen Teilen so etwas wie die Biographie dieser 1885 aus der Bell Telephone Company hervorgegangenen Telefongesellschaft, die das langlebigste (und noch keineswegs überwundene) Kartell in der Informationsindustrie des zwanzigsten Jahrhunderts darstellt. Ihr erster, visionärer Vorsitzender, Theodore Vail, predigte ganz offen die Nützlichkeit von Monopolen, und tatsächlich erkannte die amerikanische Regierung im Kingsbury Commitment von 1913 diese Sonderstellung von AT&T an. Dabei hatte sich Alexander Graham Bell selbst mühsam gegen den Telegrafie-Monopolisten Western Union durchsetzen müssen.

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