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Tim Burton. Der melancholische Magier. Herausgegeben von Mark Salisbury : Er spielt einfach zu gerne noch mit Puppen

Bild: Quadriga Verlag

Porträt eines stadtbekannten Sonderlings, der den Faszinationen seiner Jugend treu bleibt: Tim Burton gibt im Gespräch Auskunft über sich und seine Filme.

          3 Min.

          In knapp zwei Wochen kommt Tim Burtons neues Werk in die deutschen Kinos. „Frankenweenie“ ist ein in Stop-Motion-Technik gedrehter Trickfilm, was nichts anderes heißt, als dass bewegliche Figuren für jedes Einzelbild in neue Posen gebracht werden, damit schließlich der Eindruck von Bewegung entsteht. Die berühmtesten jüngeren Beispiele dieser traditionellen Vorgehensweise sind die „Wallace und Gromit“-Reihe sowie die weiteren Filme des britischen Aardman-Studios (“Hennen rennen“, „Die Piraten!“). Und natürlich „Nightmare Before Christmas“ (1993) und „James und der Riesenpfirsich“ (1996), zwei Filme, die Burton jeweils mitproduziert hat.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Doch nun führt der 1958 geborene Burton, der mit „Batman“ 1989 zum Kassenstar von Hollywood avancierte und diesen Ruf trotz diverser Rückschläge wie „Ed Wood“ oder der neuen Version von „Planet der Affen“ mit „Charlie und die Schokoladenfabrik“ und „Alice im Wunderland“ in den letzten Jahren wieder aufpolieren konnte, selbst Regie bei einem Trickfilm. Das hat er seit seinem Debüt, dem nur fünfminütigen „Vincent“ aus dem Jahr 1982, nicht mehr getan. Damals war Burton ein kleiner Angestellter bei Disney, heute reißen sich die Studios um seine Dienste. Doch im Grunde ist Burton der verspielte Junge geblieben, der als Einundzwanzigjähriger seinen Traum verwirklichte, als Disney ihn engagierte.

          Ein Athlet, der immer mehr Fett ansammelt

          Denn Burton, das machen die Gespräche mit ihm, die Mark Salisbury als Grundlage seiner Biographie des Filmemachers dienen, ganz deutlich, möchte sich eigene Welten schaffen. Harmonische Umgebungen insofern, als dass alles im Einklang stehen soll mit den eigenen Vorlieben (Burton betont mehrfach gegenüber Salisbury, dass er nicht mit Leuten arbeite, die seine Überzeugungen nicht teilen), aber gleichzeitig verstörende Szenerien, weil sie nichts mit dem Alltag gemein haben sollen. Burton ist der Anwalt der Sonderlinge in Hollywood, etwa eines auch von sich selbst missverstandenen Überzeugungstäters wie des Regisseurs Ed Wood, einer chirurgischen Bizarrerie wie Edward mit den Scherenhänden im gleichnamigen Film oder natürlich auch eines Superhelden wie Batman, der seinen Kampf gegen das Böse aus einer Außenseiterrolle heraus führt, die ihn zum Verrückten prädestiniert. Sie alle stehen für Tim Burton selbst, Hollywoods größten Sonderling.

          Daraus macht ihr Regisseur keinen Hehl, und es hat schon etwas Ermüdendes, es wieder und wieder zu lesen, als ob beim sechsten oder siebten Mal noch Überraschungspotential in der Parallelführung von Figur und Schöpfer läge. Das Problem von Salisburys Buch ist, dass es zu berühmt und erfolgreich ist. Erstmals 1995 in Amerika publiziert, als Burton über den ersten Höhepunkt seines Erfolgs gerade hinweg war, was dem Ruf als Enfant terrible aber nur nutzte, dann dreimal durch weitere Gespräche zu den jeweils neu entstandenen Filmen aktualisiert und nun gar noch einmal speziell für die deutsche Erstausgabe um ein Kapitel zu „Alice im Wunderland“ erweitert, erscheint „Der melancholische Magier“, wie das Buch bei uns untertitelt ist, als zu Beginn athletisches Werk, das aber im Laufe des Weiterlesens immer mehr Fett ansammelt und schließlich vor lauter Ballast kaum noch bewegungsfähig scheint. Stop Motion der missglückten Art. Burton erzählt immer wieder dasselbe, egal, um was für Filme es geht.

          Unmenschliches und Allzumenschliches

          Die erste Hälfte ist wunderbar zu lesen. Da war das alles noch neu, und vor allem überträgt man die im Gespräch entwickelte Ästhetik selbst auf die seither entstandenen Filme. Doch wenn man das dann später explizit bestätigt bekommt, wirkt es erschreckend banal. Und ganz schlimm ist es, wenn Burton sich in epischen Ausführungen zur Auswahl seiner Schauspieler verliert, die er zu einer Art Familie vereinigt hat, aus der etwa bei „Frankenweenie“ Martin Landau, Christopher Lee oder Winona Ryder wieder mal mit von der Partie sind. Natürlich nur mit Sprechrollen, denn gespielt wird ja mit Puppen.

          Das allerdings ist ein Faszinosum. Burton bleibt seinen frühesten Vorlieben treu - bei den Themen genauso wie bei der Filmtechnik. Deshalb nun als jüngstes Werk eine „Frankenstein“-Variation (Burton liebt seit der Kindheit klassische Horrorfilme) in Stop-Motion-Technik (Burton liebt seit der Kindheit Trickfilme) mit einem Hund als künstlich wiederbelebtem Wesen (Burton liebt seit der Kindheit Hunde). Den Stoff hat er schon vor achtundzwanzig Jahren einmal verfilmt, damals aus Kostengründen noch mit echten Darstellern. Nun kann er ihn endlich in die Form bringen, die ihm als die präsenteste überhaupt erscheint, wie er Salisbury erläutert. Die Filmkunst Tim Burtons hat einen unmenschlichen Kern, das macht ihren unheimlichen Reiz aus. Doch Salisbury zeigt den Regisseur allzu menschlich, als dass man das auch über sein Buch sagen könnte.

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