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Neues Buch von Tim Bouverie : Kennen Sie Anthony Edens Schneider?

  • -Aktualisiert am

Winston Churchill und Anthony Eden, um 1955 Bild: Picture-Alliance

Die Bedeutung der Tischsitten sollte man nicht unterschätzen: Tim Bouverie erzählt Englands Weg in den Zweiten Weltkrieg als detailreiche Geschichte der britischen Diplomatie.

          3 Min.

          Es gibt Geschichten, die dauerhaft aktuell sind. Die kanonische Erzählung vom britischen Weg in den Zweiten Weltkrieg ist eine davon. Sie kennt Helden und Schurken, und sie hat eine klare Moral: Wer mit aggressiven Diktatoren Kompromisse eingeht, wird sich trotzdem früher oder später unterwerfen oder kämpfen müssen; er hat also nichts gewonnen, aber viel moralischen Kredit verspielt. Diese Kritik am Irrweg der „Beschwichtigung“ Hitlers durch Neville Chamberlain wurde bereits im Juli 1940, kurz nach der Evakuierung von Dünkirchen, in dem Bestseller „Guilty Men“ formuliert. Dabei ging es, wie bereits in der britischen Diskussion über den Ersten Weltkrieg, auch um die Verantwortung der für nur begrenzt kompetent gehaltenen Eliten für eine Misere, die die gesamte Bevölkerung ausbaden musste.

          Mit wachsendem Abstand zum Krieg und zunehmender Forschung wurde das Bild freilich komplizierter, die Geschichte weniger eindeutig. War es wirklich so einfach, Politiker, die sich primär dem Ziel der Friedenssicherung verschrieben hatten, zu verdammen? Waren es nicht gerade die Jahre der Beschwichtigung und die zahlreichen Vertragsbrüche Hitlers, die es erlaubten, hinreichend aufgerüstet und mit der Unterstützung des ganzen Empire (außer Irlands) den Krieg fortzusetzen, als Großbritannien 1940 ohne weitere Verbündete dastand? War es bereits in den 1930er Jahren so einfach, sich zwischen Mussolini, Stalin und Hitler als möglichem Bündnispartner für einen Krieg in Europa zu entscheiden – wo selbst Churchill in dieser Frage lange keine klare Position einnahm? Wusste man immer schon, ob man zur See, in der Luft oder zu Lande aufrüsten sollte, ob der Hauptgegner also Deutschland, Japan, Italien oder doch die Sowjetunion sein würde?

          Mit Geschenken überschüttet

          Vor rund zwanzig Jahren hat John Lukacs in „Fünf Tage in London“ die Entscheidung zwischen Kompromiss und Konfrontation auf den 24. bis 28. Mai 1940 zugespitzt, als in London ein letztes Verhandlungsangebot erwogen und mit dem Wechsel von Chamberlain zu Churchill verworfen wurde. Tim Bouveries Buch nimmt wieder den Zeitraum ab 1933 in den Blick. Dabei stehen weniger neue Entdeckungen im Mittelpunkt, denn die zahlreichen Archivfunde beinhalten vor allem sprechende Details, als die Kunst der Erzählung. Sie konzentriert sich auf Wendepunkte, an denen eine Intervention denkbar und vielleicht aussichtsreich gewesen wäre. Diese liegen anfangs, als das Buch auch die Wahrnehmung des „Dritten Reichs“ vor allem in konservativen britischen Kreisen diskutiert, weiter auseinander, verdichten sich aber nach der Rheinlandbesetzung und dem „Anschluss“ Österreichs zusehends; das Buch endet mit der Ernennung Winston Churchills zum Premierminister. Bouverie erzählt eine Geschichte der britischen hohen Diplomatie; andere Akteure betreten die Bühne nur als Verhandlungspartner, Objekt der Beobachtung oder Beurteilung.

          Der Text ist dicht recherchiert, anschaulich und quellennah. So erfährt man, mit welchen Anreizen man glaubte, die andere Seite milde stimmen zu können: Ländliche Jagdpartien schienen für Göring geeignet, Hitler erhoffte sich von einer Rheinschifffahrt mit Chamberlain einen Durchbruch (beides fand nicht statt). Tischsitten spielen eine wichtige Rolle (etwa Görings Vorliebe für besonders blutiges Rindfleisch), ebenso Kleidung und Aussehen – der Schneider Anthony Edens ist einer der geheimen Protagonisten des Buches. Man erfährt von der großen Resonanz des Münchener Abkommens, nach dem Chamberlain mit Geschenken überschüttet wurde, die von Angelruten und Ködern bis zu einem Haus an einem Forellenbach in Frankreich reichten, für das immerhin eine halbe Million Francs gesammelt wurde (dieses Geschenk wurde aber abgelehnt).

          Aus der Zeit gefallen

          Das hat das Potential zu einer Alltags- oder Kulturgeschichte der Diplomatie, die aber nicht systematisch entfaltet wird; sehr deutlich werden dagegen die engen Beziehungen zwischen dem kleinen Kreis englischer Politiker, die sich oftmals seit der Schulzeit kannten, schätzten oder verachteten, die sich in ihren schlossähnlichen „Landhäusern“ trafen und für die die Grenzen zwischen offizieller Diplomatie und privaten Initiativen oft fließend waren. Zumindest in Bouveries Wahrnehmung waren ihnen das Fischen, Jagen und Feiern allzu oft wichtiger als die Auseinandersetzung mit dem Gegner, und sei es auch nur durch Lektüre von „Mein Kampf“. Entsprechend kennt auch diese Geschichte Weitsichtige (vor allem Churchill) und Fehlgeleitete, und sie endet ganz klassisch: mit dem Kapitel „Schuldige Männer“.

          Die Anti-Appeasement-Erzählung wird in diesem Buch hervorragend aktualisiert; trotzdem oder vielleicht gerade deswegen wirkt es etwas aus der Zeit gefallen. Das liegt zum einen daran, dass die Perspektive eine im Wesentlichen eurozentrische bleibt. Zwar werden die Vorgänge in der Mandschurei oder in Äthiopien erwähnt, auch die Rolle der Vereinigten Staaten für die Formulierung britischer Positionen gegenüber dem NS-Regime gerät gelegentlich in den Blick.

          Aber was die Existenz des Empire und dessen Probleme etwa in Indien für Handlungsoptionen (und die Bewertung der Protagonisten des Buches, man denke etwa an die aktuell heftigen Debatten über Winston Churchill als „Imperialist“) bedeutet haben könnte, bleibt offen. Zum anderen transportiert die Übersetzung, die insgesamt sehr gut gelungen ist, auch wenn sie im Nachwort aus der beeindruckenden London Library eine (beliebige) Londoner Bibliothek macht, das Werk in einen anderen Debattenkontext, in dem der ausschließliche Fokus auf die britische politische Elite weniger unmittelbar einleuchtet – zumal man die reiche deutschsprachige Forschung zum Thema in der Bibliographie der Übersetzung auch stärker vermissen dürfte als im Original.

          Tim Bouverie: „Mit Hitler reden“. Der Weg vom Appeasement zum Zweiten Weltkrieg. Aus dem Englischen von Karin Hielscher. Rowohlt Verlag, Hamburg 2021. 704 S., geb., 28,– €.

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