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: Tierischer Standpunkt

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Dem Abendland scheint der Sinn für die Subversion peu à peu abhandenzukommen. Zumindest verliert sich unter dem Eindruck freiheitlicher Entfaltungsmöglichkeiten der Drang, etablierte Strukturen in Frage zu stellen. Das lässt sich schon an ganz banalen Beispielen aus der Welt bürgerlicher Freizeitvergnügen aufzeigen.

          Dem Abendland scheint der Sinn für die Subversion peu à peu abhandenzukommen. Zumindest verliert sich unter dem Eindruck freiheitlicher Entfaltungsmöglichkeiten der Drang, etablierte Strukturen in Frage zu stellen. Das lässt sich schon an ganz banalen Beispielen aus der Welt bürgerlicher Freizeitvergnügen aufzeigen. Eine Fahrt im Heißluftballon etwa erregt heutzutage kaum mehr Aufsehen, während sie vor zweihundert Jahren noch als Inbegriff der Selbsterhebung des geknechteten Subjekts galt. Jean Paul erzählte damals, wie sein fiktiver "Luftschiffer" Gianozzo hoch oben in den Lüften jenseits der absolutistischen Kleinstaaterei schier irre wurde vor Glück und sich daran ergötzte, aus nahezu göttlicher Perspektive die Staatsmänner unten als Winzlinge zu entdecken. Gianozzos Höhenflug ist ein theatralischer Effekt der Aufklärung und eine der letzten Dienstreisen einer antiken Satirentradition. Es ist die Tradition des "anderen Blicks" auf die Menschheit, wie ihn der griechische Philosoph Menippos von Gadara als Instrument der Zeitkritik in die Literaturgeschichte eingeführt hat. Der Anglist und Übersetzer Werner von Koppenfels hat ihn zum Gegenstand eines komparatistischen Panoramas der Meisterklasse gemacht.

          Von Menippos selbst sind nur einige wenige Fragmente überliefert, aber der Ruhm, den der Kyniker unter seinen Zeitgenossen hatte, reichte aus, um bis in die Moderne hinein potente Nachfahren hervorzubringen. Von Koppenfels hat bei ihnen das Erbgut der Ironie isolieren können und stellt es wohlsortiert in typischen Formationen aus der europäischen Literatur vor. Die Erzähltechnik des "tierischen Standpunkts" - von der hündischen Perspektive leitet sich der Name der Kyniker ab - erweist sich dabei als besonders beliebt: Plutarch etwa ließ im ersten Jahrhundert nach Christus ein glückliches Schwein als Gewinner aus dem dialektischen Wettstreit mit einem unglücklichen Sophisten hervorgehen, der Florentiner Humanist Giambattista Gelli fünfzehn Jahrhunderte später eine Hirschkuh die Unterdrückung der Frau in der menschlichen Gesellschaft beklagen. Der "animalische point of view" der Kyniker hat als Schreibstrategie vor allem eines im Sinn: die Demütigung menschlicher Selbstherrlichkeit durch die experimentelle Umkehr der natürlichen Ordnung. Einschlägig ist später bei Boileau das Motto eines Esels, der im Pariser Treiben innehält und feststellt: "Was ist der Mensch im Vergleich zu uns doch für ein dummes Tier!" Ein Potpourri solcher Pointen wider den tierischen Ernst durchläuft der Leser bei von Koppenfels im Schweinsgalopp, stets angetrieben von der kundigen Führung des Münchner Emeritus.

          Die europäische Bandbreite der Monographie und ihre epochenübergreifende Gewandtheit tragen das Kennzeichen eines ganzen OEuvres: Werner von Koppenfels, der heute siebzig Jahre alt wird, hat seit seiner Heidelberger Dissertation über John Donne und den Petrarkismus 1967 mehrfach die Einheit der europäischen Literatur unter Beweis gestellt, zuletzt mit einer Anthologie der "barocken Gärten der Literatur". Bei ihm sind Passion und Profession nicht zu unterscheiden. Er hat unter anderem Francisco de Quevedos Gedichte, Satiren und Grotesken aus dem Spanischen, Arthur Rimbauds Seher-Briefe aus dem Französischen und John Donnes Liebeslyrik aus dem Englischen übertragen und als Hochschullehrer zugleich dafür gesorgt, dass die literarische Übersetzung als kulturelle Vermittlungsarbeit mit akademischer Autorität ausgestattet wurde. Geisteswissenschaftlern ist er zudem als Mitherausgeber der Zeitschrift "Antike und Abendland" ein Begriff. Dass sein Name in der "Webinfo" der Universität München mit der Bemerkung: "ist historisch, arbeitet nicht mehr unter obiger Einrichtung" versehen ist, sollte jedenfalls nicht zu ernst genommen werden - getreu dem Leitgedanken, mit Hilfe der Dichtung die prosaischen Verhältnisse der Pensionsgrenzen und anderer Schikanen zu unterlaufen.

          Die Schule des "anderen Blicks", die der Jubilar mit seiner Geschichte der menippeischen Satire vorgelegt hat, hält dazu weitere Strategien parat, die über die Jahrhunderte und über die nationalen Grenzen hinweg als menippeisch deklariert worden sind. Sei es die Technik der "rhetorischen Selbstentlarvung", bei der fingierte Personen im fanatischen Diskurs ihr wahres Gesicht preisgeben, sei es die Inszenierung opulenter Gastmahle, bei denen die "Heteroglossie", ein zugespitztes Durcheinander der Reden und Stile, jeglichen Anspruch auf Einheit und Systematik ad absurdum führt: In Koppenfels' Arsenal der typischen Verfahren wird das Potential der Literatur deutlich, Heterogenität zu erzeugen und dabei Überzeugungen zu relativieren und Dogmatismen zu destruieren. Seine Gewährsmänner umfassen Lukian und Horaz, John Milton und Aldous Huxley, Rabelais und Molière, Reuchlin und sogar Ludwig Thoma. Das Unvergleichliche kann hier verglichen werden. Und schon aus diesem Grund braucht Europa seine Komparatistik.

          ROMAN LUCKSCHEITER.

          Werner von Koppenfels: "Der Andere Blick oder Das Vermächtnis des Menippos". Paradoxe Perspektiven in der europäischen Literatur. C. H. Beck Verlag, München 2007. 320 S., Abb., geb., 38,- [Euro].

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