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Thomas Ramges Buch „Postdigital“ : Auch mal abschalten

Bro-Fist zwischen Mensch und Maschine beim „Speed Dating mit KI“ im November in Hamburg: Stärkt oder schwächt der Einsatz künstlicher Intelligenz im Alltag die humane Souveränität? Bild: dpa

In seinem neuen Buch arbeitet Thomas Ramge am Idealbild einer Zukunft des souveränen Umgangs mit Künstlicher Intelligenz. Nicht nur die von ihm befragten Experten bleiben skeptisch.

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          In seinem neuen Buch „Postdigital“ entwirft Thomas Ramge das Idealbild einer künftigen Welt, in der wir Menschen einen souveränen Umgang mit den Möglichkeiten der Datenverarbeitung pflegen. Wie, fragt der Experte für Künstliche Intelligenz, einer Imaginationsanregung der systemischen Beratung folgend, werden wir dieses Ideal einmal erreicht haben? Dabei stellt er eindrucksvoll drohende Abwege und überzeichnete Visionen vor. Allein: Der Königsweg in eine Zukunft, in der Digitalisierung kein Thema mehr, Digitalität hingegen selbstverständlich ist, bleibt schmal.

          In einer kurzen Erzählung komponiert Ramge eine beklemmende Szene der Kontrolle und Gängelung. Der Weg aus diesem Gedankenspiel zurück in die Realität, schreibt der Autor, ist nicht weit: Jede der vorgestellten KI-Anwendungen zur Überwachung, zur Entmündigung und zum Übervorteilen von Menschen ist bereits irgendwo im Einsatz.

          Doch auch die optimistische Variante eines Lebens, in dem der Einsatz Künstlicher Intelligenz zum Alltag gehört, klingt nicht wie kühne Phantastik: Ein digitaler Assistent bucht Verkehrsmittel und organisiert Lebensmitteleinkäufe, alles im Abgleich mit Bedarf, Vorlieben und Vorsätzen seiner Nutzer. Er hat deren gewünschte Umweltbilanz ebenso im Blick wie ihren Terminkalender, übernimmt Teile der Routinekorrespondenz, Verhandlungen, medizinische Voruntersuchungen – und das Beschäftigungsprogramm auf einer Bahnfahrt.

          Mit der Bildung von Ethikräten ist es nicht getan

          Auffälligstes Detail dieser Schilderung: Ein solcher Assistent kostet Geld. Selbstverständlich bieten gerade die großen IT-Konzerne auch ausgeklügelte Modelle umsonst an, aber es bleibt zweifelhaft, was mit den anfallenden Daten passiert und ob diese Programme wirklich zugunsten ihrer Nutzer handeln – selbst wenn sich deren Interessen einmal gegen die des Unternehmens richten sollten, das sie hergeschenkt hat.

          Thomas Ramge: „Postdigital“. Wie wir Künstliche Intelligenz schlauer machen, ohne uns von ihr bevormunden zu lassen. Murmann Verlag, Hamburg 2020. 212 S., br., 20,– €.

          Die Aussichten auf eine ideale Zukunft mit KI hat Thomas Ramge in achtundzwanzig Thesen gefasst und sechzig KI-Experten zur Einschätzung vorgelegt. Die Antworten zeigen, dass eine Zukunft mit souveräner Nutzung Künstlicher Intelligenz zwar denkbar, es in der aktuellen Phase entscheidender Weichenstellungen aber mit der Bildung von Ethikräten nicht getan ist.

          Dystopie ist einfacher

          In den gesellschaftlichen Bereichen Energieversorgung, Transport, Verwaltung und Gesundheit erwarten die Experten mehr Effizienz durch den Einsatz Künstlicher Intelligenz. Beim Einsatz in der Medizin, bei der Aus- und Weiterbildung, der Arbeitsorganisation und Terminplanung, der Vorauswahl dessen, was für den jeweiligen Nutzer interessant oder unterhaltsam sein könnte, aber auch bei der Partnervermittlung sehen sie individuelles Potential.

          Dafür müssten allerdings leistungsfähige KI-Systeme für persönliche Assistenten entwickelt werden, die Nutzerinteressen klar vor Anbieterinteressen stellen. Eine Daten-Sharing-Pflicht müsste auch Start-ups und Forscher auf – zufällig ausgewählte und anonymisierte – Teile des Datenreichtums von Giganten wie Google, Facebook oder Amazon zugreifen lassen, um damit eigene KI-Entwicklungen zu trainieren. Die Systeme müssten darstellen können, auf welchem Weg und welcher Grundlage sie zu ihren Entscheidungen kommen. Und die Nutzer müssten deren Vertrauenswürdigkeit ebenso einschätzen können wie ihre Grenzen.

          Die Mehrzahl der Experten, resümiert Ramge, ist skeptisch. Ob Politik, Nutzer und Gesellschaft mit der technologischen Entwicklung werden mithalten können? Ob KI-Unternehmen das gesellschaftliche Wohl ebenso im Blick behalten wie den eigenen ökonomischen Vorteil? Dass Europa gegenüber Amerika und China weiter an technologischer Souveränität verliert, scheint ihnen indes ausgemacht.

          Thomas Ramge selbst stellt am Ende seines Buchs fest, wie viel leichter sich der Entwurf einer dystopischen KI-Zukunft zeichnen lässt als der einer gelungenen. So ist es bedauerlich, aber nicht verwunderlich, dass im abschließenden, gerade einmal neun Seiten umfassenden Kapitel, das den Buchtitel wieder aufgreift, kaum mehr bleibt als der Ruf nach Vision, Investition, einem Paradigma der Nützlich-, nicht der Möglichkeit – und der Unabhängigkeit jedes Einzelnen, Technik nur noch dann zur Hand zu nehmen, wenn er sie wirklich braucht.

          Thomas Ramge: „Postdigital“. Wie wir Künstliche Intelligenz schlauer machen, ohne uns von ihr bevormunden zu lassen. Murmann Verlag, Hamburg 2020. 212 S., br., 20,– €.

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