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Thomas Fuchs: Das Gehirn - ein Beziehungsorgan : Das Leben als Leibesübung

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Nicht das Gehirn denkt und fühlt, sondern der ganze Mensch mit Muskeln, Nerven und Eingeweiden: Thomas Fuchs schreibt eine Kritik der neuronalen Vernunft - und macht alteuropäisches Gedankengut für eine ultramoderne Debatte fruchtbar.

          Die neurowissenschaftliche Reduktion der menschlichen Subjektivität auf messbare und mit Hilfe der modernen bildgebenden Verfahren darstellbare Gehirnvorgänge verdankt ihre Überzeugungskraft einer mit dem Gestus der Selbstverständlichkeit präsentierten, in Wahrheit aber höchst voraussetzungsreichen Unterstellung. Zum Credo der meisten Vertreter reduktionistisch-naturalistischer Positionen gehört die Überzeugung, dass auf die Frage nach der Urheberschaft menschlicher Handlungen nur zwei Antworten in Betracht kämen. Entweder man operiere mit der Annahme eines von seinem Leib, seinen Gefühlen und seinem Lebensvollzug abgekoppelten, cartesianischen Ich, das in unumschränkter Souveränität eine Entscheidung treffe und dem Körper deren Ausführung aufoktroyiere.

          Ein solches ortlos-immaterielles Ego, von dem zudem ganz unklar ist, wie es auf die materielle Welt soll einwirken können, lässt sich freilich leicht als metaphysische Chimäre abtun. Dann aber, so fahren die Verfechter der Naturalisierungsstrategie fort, verbleibe nur die Möglichkeit, das Gehirn selbst als Urheber von Handlungen anzusehen.

          Kein Entscheidungsträger

          In der vermeintlichen Zwangsläufigkeit dieses Entweder-oder liegt indessen das zentrale philosophische Problem. Wie der Psychiater und Philosoph Thomas Fuchs in einer fesselnden Studie nachweist, liegt der heutigen neurowissenschaftlichen Standardtheorie eine „dualistische Aufteilung der Welt in eine körper- und weltlose Subjektivität einerseits und eine physikalistisch reduzierte, materielle Welt andererseits“ zugrunde, die Descartes' berühmt-berüchtigter Dualität von res cogitans und res extensa um nichts nachsteht. Die Neurowissenschaftler reklamieren für das Gehirn eben jene weltschöpferische Funktion, welche im subjektiven Idealismus dem Ich vorbehalten war. „Im Innenraum des Bewusstseins empfängt das Subjekt, der einsame Gefangene seines eigenen Palastes, die Bilder von der unerreichbaren Außenwelt. Nur sind diese Bilder nicht mehr Konstrukte der kantischen Verstandesvermögen, sondern der zugrundeliegenden Hirnprozesse.“ Hegel hat das Subjektdenken eines Descartes oder Kant zwar als einseitig getadelt, es aber zugleich als den unhintergehbaren Ausgangspunkt des neuzeitlichen Philosophierens anerkannt. Die Metaphysik der vermeintlich metaphysikfreien Neurowissenschaftler dagegen ist, wie Fuchs zeigt, schlicht ein „begrifflicher Unsinn“.

          Das Gehirn vermag weder Entscheidungen zu treffen noch Handlungen vorzunehmen, denn Begriffe wie Überlegen, Fühlen, Wollen und Entscheiden sind auf die Ebene physiologischer Beschreibungen von vornherein nicht anwendbar. Den neuronalen Prozessen im Gehirn kommt ebenso wenig Intentionalität zu wie dem Übergang von einem elektrischen Zustand zum anderen in einem Computer. „Sätze in Büchern repräsentieren für uns Sachverhalte; Bilder in Fotoalben repräsentieren für uns Erinnerungen. Doch im Gehirn gibt es keinen Homunculus, der in der Lage wäre, neuronale Aktivitätsmuster als Repräsentationen aufzufassen, als Abbilder zu sehen oder als Erinnerungsspuren zu lesen.“

          Ermöglichte Aneignungsfähigkeit

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