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Putin im Sachbuch : Mit Angst lässt sich politisch arbeiten

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Manfred Quiring: „Putins russische Welt“. Wie der Kreml Europa spaltet.
Manfred Quiring: „Putins russische Welt“. Wie der Kreml Europa spaltet. : Bild: Ch. Links Verlag

Während Franke einen desillusionierten Bericht zur aktuellen Lage der Nation gibt, holt Manfred Quiring historisch weiter aus. Er verfolgt Putins Aufstieg vom bescheidenen Posten eines KGB-Spions in Dresden über die Kaderstelle als Mitarbeiter des Petersburgers Bürgermeisters Anatoli Sobtschak bis zu seiner überraschenden Plazierung in höchste politische Ämter der russischen Föderation. Dabei unterstreicht Quiring die Konstanz von Putins nationalkonservativen Ansichten. Bereits 1994 hatte Putin auf einer Diskussionsveranstaltung in Deutschland darauf hingewiesen, dass nach dem Zerfall der Sowjetunion 25 Millionen Russen im Ausland leben und Russland es sich nicht leisten könne, diese Menschen einfach ihrem Schicksal zu überlassen. Im selben Jahr verließ Putin aus Protest einen Vortrag des estnischen Präsidenten, der die Sowjetarmee als „Besatzer“ bezeichnet hatte. Die Schalmeienklänge von Putins berühmter Rede im Deutschen Bundestag 2001 seien, so Quiring, vor allem auf den Input von Horst Teltschik zurückzuführen. Als Präsident habe Putin auch schnell dafür gesorgt, dass anhängige Gerichtsverfahren aus seiner Petersburger Zeit zu den Akten gelegt wurden.

Verbindungen des Kremls zu nationalistischen Parteien in Europa

Aber nicht nur die persönliche Biographie des Kremlchefs wird streng kontrolliert. Dasselbe gilt für die Vergangenheit des ganzen Landes. Quiring widmet der russischen Geschichtspolitik ein eigenes Kapitel. Die Voraussetzungen für eine patriotische Geschichtsschreibung sind in Russland denkbar gut. In einer Umfrage aus dem Jahr 2014 wussten nur gerade 19 Prozent vom sowjetischen Überfall auf Polen im Jahr 1939, und 53 Prozent waren davon überzeugt, dass die Sowjetunion die baltischen Staaten im Jahr 1940 nicht okkupiert habe.

Quiring beschließt sein Buch mit einem Überblick über die Verbindungen des Kremls zu nationalistischen Parteien und separatistischen Gruppierungen in Europa. Schlüsselfiguren sind dabei der ultranationalistische Vizeregierungschef Dmitri Rogosin und der Milliardär Konstantin Malofejew, der aus seinen streng orthodoxen und monarchistischen Ansichten kein Hehl macht. Unterstützt werden der Front National, Jobbik, Ukip, AfD und die FPÖ, die kürzlich sogar einen Kooperationsvertrag mit der Regierungspartei „Einiges Russland“ abgeschlossen hat. Die „Antiglobalistische Bewegung“ ist eine vom Kreml geförderte russische NGO, die Konferenzen mit separatistischen Aktivisten aus Nordirland, Schottland, dem Baskenland, Katalonien und Norditalien durchführt. Natürlich werden solche Abspaltungstendenzen nur im Ausland gestärkt. Quiring weist darauf hin, dass eine Bürgerrechtsaktivistin aus Krasnodar, die einen Marsch zur Föderalisierung des Kubangebiets organisiert hatte, wegen „Extremismus“ und „Separatismus“ zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Der Kreml kümmert sich kaum um ideologische Kohärenz, wichtig ist der Ausbau der eigenen Machtposition.

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