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Thomas de Padova: Leibniz, Newton und die Erfindung der Zeit : Zum schnellen Ticken wurde da die Zeit

Bild: Piper

Ein deutscher Alleskönner und ein englischer Mathematiker, beide genial und zuletzt in schlimmen Streit verwickelt: Thomas de Padova erzählt von Leibniz, Newton und neuen Chronometern.

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          Raymond Queneau, der den Mathematikern und Philosophen zugeneigte Dichter, hat einmal einem deutschen Universalgelehrten zu Ehren den französischen Nationalfeiertag in einem kleinen Gedicht kurzerhand umgewidmet: „Es gibt einen Brief von Leibniz / datiert auf den 14. Juli 1686 / in dem er hinweist auf die Bedeutung / des Prinzips vom zureichenden Grund. / Das ist ein bedeutendes Datum in der Geschichte der Philosophie / deshalb feiern die Pariser jedes Jahr / auf den öffentlichen Plätzen die ganze Nacht.“ Es ist eine wunderbar knappe Hommage an einen großen Autor, und das angeführte Prinzip ist für sie gut gewählt.

          Helmut Mayer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Der Grundsatz, dass nichts ohne zureichenden Grund geschieht, mag sich zwar bescheiden anhören. Tatsächlich aber formulierte er in nuce einen für Leibniz zentralen Vernunftanspruch, ob es nun um die Theologie ging oder Grundlegung und Aufbau der neuen Naturphilosophie alias Physik. Man kann sich das ausgezeichnet vor Augen führen in dem öffentlichen Briefwechsel, den Leibniz mit dem englischen Theologen Samuel Clarke über die neue Physik führte und in dem sein Gegenüber offen als Sprachrohr Isaac Newtons fungierte. Newton verteidigte seine Grundbegriffe in letzter Instanz mit einer für uns undurchschaubaren Setzungsmacht Gottes, an die kein Prinzip vom zureichenden Grund herankam - was für Leibniz schlechte Theologie und Naturphilosophie in einem war.

          Entlang der Biographien von Leibniz und Newton

          Einer dieser Grundbegriffe war das Konzept einer von allen Dingen unabhängigen absoluten Zeit. Weshalb man Thomas de Padovas neues Buch, „Leibniz, Newton und die Erfindung der Zeit“, mit der Erwartung zur Hand nimmt, bald auf den Disput zwischen Leibniz und Clarke zu stoßen. Tatsächlich aber ist es erst so weit, wenn man schon fast an sein Ende gelangt ist. Denn der Autor folgt, wie schon in seinem Buch über Galilei und Kepler, den Biographien seiner beiden Hauptakteure - und die große Kontroverse, mit dem vorgeschobenen Clarke auf Newtons Seite, fällt nun einmal in die letzten beiden Lebensjahre von Leibniz, der 1716 mit siebzig Jahren stirbt, zehn Jahre vor dem dann vierundachtzigjährigen Newton.

          Zudem nimmt sich de Padova viel Zeit, um von der Entwicklung neuer Zeitmesser zu erzählen: von den Sonnenuhren zu den mechanischen Uhren, deren Gang durch Federn und Pendel geregelt wird. Schließlich seien es die immer regelmäßiger laufenden Uhren gewesen, mit denen die prinzipiellen Fragen der Zeitmessung innerhalb der neuen Mechanik überhaupt akut wurden. Und auch an den Veränderungen des Alltags, den immer mehr von Taschenuhren regulierten neuen Zeitregimen, möchte er nicht ganz vorbeigehen.

          Duell der Geistesgrößen

          Vor diesem Hintergrund werden die intellektuellen und professionellen Biographien von Newton und Leibniz skizziert. Auf der einen Seite der deutsche Universalist, barock in der Anmutung des viele Felder kultivierenden Theoretikers und auch Praktikers, Ökumeniker (insbesondere auch in der Naturphilosophie) und epochaler Mathematiker, dessen Fundierung der Physik zwar traditioneller wirkt als Newtons Vorgehen, tatsächlich aber zu sehr modernen Prinzipien führte, von der Orientierung an Erhaltungssätzen bis zu den operational bestimmten Konzepten von Raum und Zeit.

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