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Thomas de Padova: Leibniz, Newton und die Erfindung der Zeit : Zum schnellen Ticken wurde da die Zeit

Auf der anderen Seite der Held der neuen Mechanik, der sich von der alten Naturphilosophie weitgehend abstößt, aber gleichzeitig als Alchemist wie Bibelinterpret tief in Traditionen steckt, welche gar nicht ins Bild der Gründerfigur der neuen Physik passten und deshalb auch lange beiseitegewischt wurden. Hier Systemphilosophie (zumindest der Intention nach) in einer faszinierenden, vor allem auch empirisch gesättigten Form, die von einer konstitutiven und unauflösbaren Vernetzung aller Dinge und Phänomene ausgeht; dort die empiristische Neigung zur Tabula rasa und zur Konstruktion der Welt aus separierbaren Einzelphänomenen, zuletzt den „Partikeln“ der Mechanik.

Es sind Gegensätze, die ideen- und wissenschaftsgeschichtlich äußerst ergiebig sind. Schließlich drücken sie eine Konfrontation aus, die wenig später das empiristische Räsonieren auf den tonangebenden europäischen Bühnen eher für sich entscheiden wird: mit deutlicher Spitze gegen den „Geist des Systems“ und im Verbund mit der Newtonschen Mechanik, die sich bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts zum mathematisch feingeschliffenen Welterklärungsmodell à la Laplace mausert.

Erzählerische Breite, statt Tiefe

Während Leibniz zwar in der deutschen Schulphilosophie des achtzehnten Jahrhunderts verarbeitet wird, aber schon aufgrund der Zersplittertheit seines Werks, von der die immer noch andauernde Editionsgeschichte Zeugnis ablegt, darauf warten muss, als Urheber mitunter erstaunlich moderner Konzepte - ob in Logik, Mathematik oder Physik - etabliert zu werden. Mit dem zusätzlichen Reiz, dass diese Konzepte vor dem Hintergrund eines metaphysischen Entwurfs entwickelt wurden, der selbstredend gar nicht modern wirkt.

Newton und Leibniz nebeneinanderzustellen ist also durchaus naheliegend, zumal sie ja auch brieflich miteinander in Kontakt traten - was allerdings weniger zu einem Austausch führte als zum Markieren der jeweils schon erreichten mathematischen Fortschritte und schließlich über einige unglückliche Entwicklungen in den hart ausgetragenen Streit um die Priorität bei der Erfindung der Infinitesimalrechnung mündete.

Geschichte und Vorgeschichte dieses Streits, aus dem man viel über die Wissenschaftskultur der Frühen Neuzeit und ihre Institutionen lernen kann, sind bei de Padova dargestellt, die wesentlichen Differenzen zwischen Newtons und Leibniz’ Naturphilosophie bündig skizziert. In die Tiefe geht der Autor dabei allerdings kaum, statt dessen ermöglicht ihm die Fokussierung auf die Zeitmessung eine Darstellung, die eher erzählend in die Breite gehen kann. Der Verdacht liegt nahe, dass da das Bemühen den Ausschlag gab, einem Sachbuchformat mit Erfolgsaussichten zu entsprechen. Der Verlag wirbt denn auch prompt mit dem Verweis auf Dava Sobels Bestseller „Längengrad“. Halten wir also sicherheitshalber fest, dass Newton und Leibniz noch um vieles interessanter sind als alle Geschichten von Chronometerbauern.

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