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Thomas Brussigs Bordelltest : Das kostet extra

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Sie bestimmt die Regeln! Der Autor Thomas Brussig hat sich in Bordellen umgesehen Bild: picture-alliance/ dpa

Im Auftrag eines Boulevardblatts hat der Schriftsteller Thomas Brussig Bordelle getestet und ist zu erstaunlichen Einsichten gekommen: Prostitution kostet Geld, der Mann kauft nicht die Frau und er bestimmt auch nicht die Regeln. Brussigs Erlebnisbericht liefert vor allem ein Porträt des Autors.

          Um nur ein Beispiel zu nennen: In einer ihrer jüngsten Ausgaben druckte die Berliner Boulevardzeitung „B.Z.“ unter der Überschrift „Kneifen? Drehen? Oder ziehen?“ einen „Ratgeber für Busen-Liebhaber“ (“So fummelt er richtig“), der in der Erkenntnis gipfelte, mit den Berührungen des Busens sei es „wie mit einer anständigen Käseplatte: Man beginnt stets mit den leichten und zarten, geht danach zu den kräftigeren über.“

          Artikel wie diese müssen genannt werden, damit wir wissen, worüber wir jetzt reden. Dasselbe Boulevardblatt, das sich im Übrigen zu Teilen durch Sexanzeigen finanziert, fragte vergangenes Jahr beim Schriftsteller und Drehbuchautor Thomas Brussig (“Helden wie wir“, „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“) an, ob er nicht Lust habe, für sie Bordelle zu testen. Es wird wahrscheinlich niemand überraschter gewesen sein als die Redaktion selbst - jedenfalls sagte Brussig zu und testete dann also im Auftrag des Springer-Verlags, der alle Spesen zahlte, die Hauptstadt-Puffs durch. Brussigs Recherchen sind jetzt gesammelt im Piper Verlag erschienen - und zeichnen ein erschütterndes Bild: vom Autor Thomas Brussig.

          Die Frauen wollen sowieso

          “Es ist etwas an der Prostitution, das ich, ganz altmodisch, nicht richtig finde“, schreibt Brussig im Vorwort seines auf Sach-, ja Fachbuch getrimmten „Reportage-Romans“: „Mich stört, dass es über das Geld läuft.“ Ein Gedanke, der kaum von der Hand zu weisen ist. Und der dennoch erst mal formuliert sein will. Beschreibt er das Phänomen der Prostitution doch nur noch einmal in anderen Worten. Ähnlich finden ja auch viele Menschen nicht richtig, dass bei einem Mord jemand umkommt oder bei einem Versicherungsbetrug eine Versicherung betrogen wird.

          Was also bewegt einen, den an der Prostitution vor allem die Prostitution stört, dazu, sich da hineinzubegeben? Brussig hat gleich mehrere Erklärungen für seine Leser bereit, unter anderem die, dass er sich noch nie mit diesem Thema befasst habe und dieser Auftrag - er nennt ihn „Traumjob“ - also Gelegenheit biete, etwas vollkommen Neues zu erfahren. Außerdem interessiere ihn das Verhältnis zwischen Mann und Frau, schreibt Brussig. „Denn in der Welt der Prostitution ist es in gewisser Weise auf den Kopf gestellt. Hier ist es nicht der Mann, der versucht, die Frau ins Bett zu kriegen - hier ist es umgekehrt. Frauen wollen mit Männern Sex haben. Für dieses Ziel investieren sie Zeit, Geld und Ideen: Sie sitzen oder stehen viel herum, sie machen sich zurecht, und sie müssen Ideen haben, wie sie den Mann ansprechen.“ Deswegen sei hier der Mann in der Situation, in der sonst nur Frauen seien: „umworben zu sein, die Entscheidung zu treffen. Die Frauen wollen sowieso.“

          Das Buch als Porträt des Autors

          Man kann „Berliner Orgie“, so der Titel des Buchs, auf mehrere Weisen lesen. Man kann es lesen, wie es ursprünglich intendiert war: als Testbericht für interessierte Konsumenten; dafür empfähle es sich aber, Mitglied der „B.Z.“-Zielgruppe zu sein, also männlich, ohne Hochschulabschluss und nur durch den Anblick einer weiblichen Brust zu einem Aufflackern von Aufmerksamkeit zu verleiten.

          Man kann es als Beschreibung von Orten lesen, an die man höchstwahrscheinlich selber nie kommt. (“Denken Sie einfach an den Stil jener vielen, vielen italienischen Restaurants mit Plastikgrotten und Zimmerspringbrunnen.“)Und man kann gar nicht umhin, es als ein Porträt des Autors zu lesen. Nach der Lektüre weiß man jedenfalls mehr über Thomas Brussig, als man wissen wollte. Zum Beispiel, dass Brussig bei Prostituierten vor allem auf Frauen mit exotisch dunkler Hautfarbe steht. Und dass er bei solchen zu den hierzulande handelsüblichen Vorurteilen neigt: „Gina ist aus der Karibik, aus Jamaika. Da musst du ja wahnsinnig gut tanzen, sage ich, und indem sie den Takt der Musik mit dem Oberkörper aufnimmt, sagt sie mir: Ich tanze die ganze Zeit, Junge.“

          Der Restaurantkritiker im Bordell

          Oder dass er nicht „mit jeder kann“: „Ich kann mir nicht mit jeder Frau Sex vorstellen, wäre aber dann für eine ganze Menge offen.“ Und dass er mit einer geradezu rührenden Naivität gesegnet sein muss: „Vermutlich macht sie ihre Arbeit wirklich gerne, denn als sich unsere Blicke treffen, merke ich, dass sie schon versucht, mich zu verführen.“ Wie bitte? Eine Prostituierte gibt einem Mann das Gefühl, dass sie ihn heiß findet? Unglaublich, also so etwas hatte man ja noch nie gehört! Aber das Verblüffendste: Thomas Brussig hat Bordelle getestet, ohne Sex zu haben. Seiner Ehefrau zuliebe habe er darauf verzichtet, schreibt er.

          Wie ein Restaurantkritiker, dem für seine Beurteilung der Anblick der Tischdecke genügt, ist Thomas Brussig durchs Rotlichtmilieu gezogen und hat sich mit Prostituierten: unterhalten. Er ist dabei zu folgendem Ergebnis gekommen: “Dass in der Prostitution Männer Frauen kaufen, ist ein Irrtum, eine Verkennung der wahren Lage. Vielleicht sind sich auch alle Beteiligten über die wahren Verhältnisse im Klaren, verschweigen es nur aus Gründen der Peinlichkeit (Männer) und aus Geschäftssinn (Frauen). Der Mann kriegt nicht, was er will. Er bekommt ein Spektrum von Möglichkeiten angeboten, mit dem er sich zufriedengeben muss.

          Das Kondom hält den Mann vom Leibe

          Es ist nicht der Mann, der die Regeln macht. Sinnfälligster Ausdruck für diese Verhältnisse ist das Kondom, und wenn morgen die Aidsspritze auf den Markt käme, mit der sich die Krankheit ebenso wegimpfen ließe wie der Tripper - die Kunden der Prostitution müssten weiter Kondome benutzen. Mit dem Kondom halten sich die Huren ihre Kunden vom Leibe, wenn auch nur um Bruchteile von Millimetern. In einer Sphäre, in der es genau darum geht - für möglichst viel Geld möglichst wenig zu bieten -, ist das Kondom ein nicht mehr wegzudenkendes Utensil.“ Noch mal langsam: Brussig hält Prostituierten vor, sich vor Krankheiten schützen zu wollen, und unterstellt ihnen, dies nur zu tun, um den Männern eins auszuwischen.

          Das ist, um es vorsichtig auszudrücken, originell. Irgendwie scheint er sich das alles anders vorgestellt zu haben, romantischer offenbar, und seine Enttäuschung über den geschäftlichen Teil der ganzen Angelegenheit schlägt im Laufe der einzelnen Kapitel in Bitterkeit um: „Ich frage sie nicht nach dem Alter, weil sie in einem Alter ist, in dem man das nicht mal mehr eine Hure fragt.“ Oder, noch eine Spur menschenverachtender: „So wie sie aussehen, haben sie in diesem Beruf nichts verloren. Und wenn sie sich einen Fummel anziehen, von dem sie glauben, dass er scharf aussieht, dann muss man ihnen sagen: Nicht bei dir.“

          Mein schönstes Pufferlebnis

          Schließlich lässt Brussig seinem Verdruss über Frauen im Allgemeinen freien Lauf: „Sie lacht. Sie mag Schmeicheleien. Auch mir gefällts, mit ihr zu flirten. Bleibt mir denn wirklich nur der Puff, wo ich noch mit einer schönen Frau flirten kann, ohne gleich wie ein Verbrecher angeguckt zu werden?“ Oder: „Fazit, als sich der EC-Kartenbeleg aus dem Terminal schiebt: Ich hab 'ne nette Frau kennengelernt, hatte 'nen schönen Abend mit ihr und hätte sie sogar ins Bett  kriegen können. Eintritt und Getränke haben mich 48 Euro gekostet. Das ist nicht viel.“ So viel zur Haltung. Nun könnte man ja wenigstens beim Beruf des Testers auf schöne Texte hoffen - aber nein. Die einzelnen Kapitel sind so brav und uninspiriert geschrieben, als wären sie Schulaufsätze zum Thema: „Mein schönstes Puff-Erlebnis“.

          Brussig hatte es übrigens im „Artemis“, einem Bordell, das für die erwartete gesteigerte Nachfrage während der Fußball-WM schön praktisch in Stadionnähe errichtet wurde. Brussig ist begeistert. Die Pornofilme im dortigen Kino hätten eine Handlung (“Als Drehbuchautor will ich so was einfach haben“), die Hygiene sei „sensationell“ (“Dass im ,Artemis' seit der Eröffnung etliche Hektoliter Sperma geflossen sind, merkt man nicht. Das ,Artemis' ist sauber wie ein Ibis-Hotel“); beim Oralverkehr werde „sogar aufs Kondom verzichtet“ - und „Tusch: im ,Artemis' wird hinterher bezahlt!“ Nee, also, kann man echt nichts sagen, oder? Ist schon 'ne tolle Sache, die Prostitution, wenn sie richtig gemacht wird, was, Herr Brussig?

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