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Thomas Brussigs Bordelltest : Das kostet extra

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Oder dass er nicht „mit jeder kann“: „Ich kann mir nicht mit jeder Frau Sex vorstellen, wäre aber dann für eine ganze Menge offen.“ Und dass er mit einer geradezu rührenden Naivität gesegnet sein muss: „Vermutlich macht sie ihre Arbeit wirklich gerne, denn als sich unsere Blicke treffen, merke ich, dass sie schon versucht, mich zu verführen.“ Wie bitte? Eine Prostituierte gibt einem Mann das Gefühl, dass sie ihn heiß findet? Unglaublich, also so etwas hatte man ja noch nie gehört! Aber das Verblüffendste: Thomas Brussig hat Bordelle getestet, ohne Sex zu haben. Seiner Ehefrau zuliebe habe er darauf verzichtet, schreibt er.

Wie ein Restaurantkritiker, dem für seine Beurteilung der Anblick der Tischdecke genügt, ist Thomas Brussig durchs Rotlichtmilieu gezogen und hat sich mit Prostituierten: unterhalten. Er ist dabei zu folgendem Ergebnis gekommen: “Dass in der Prostitution Männer Frauen kaufen, ist ein Irrtum, eine Verkennung der wahren Lage. Vielleicht sind sich auch alle Beteiligten über die wahren Verhältnisse im Klaren, verschweigen es nur aus Gründen der Peinlichkeit (Männer) und aus Geschäftssinn (Frauen). Der Mann kriegt nicht, was er will. Er bekommt ein Spektrum von Möglichkeiten angeboten, mit dem er sich zufriedengeben muss.

Das Kondom hält den Mann vom Leibe

Es ist nicht der Mann, der die Regeln macht. Sinnfälligster Ausdruck für diese Verhältnisse ist das Kondom, und wenn morgen die Aidsspritze auf den Markt käme, mit der sich die Krankheit ebenso wegimpfen ließe wie der Tripper - die Kunden der Prostitution müssten weiter Kondome benutzen. Mit dem Kondom halten sich die Huren ihre Kunden vom Leibe, wenn auch nur um Bruchteile von Millimetern. In einer Sphäre, in der es genau darum geht - für möglichst viel Geld möglichst wenig zu bieten -, ist das Kondom ein nicht mehr wegzudenkendes Utensil.“ Noch mal langsam: Brussig hält Prostituierten vor, sich vor Krankheiten schützen zu wollen, und unterstellt ihnen, dies nur zu tun, um den Männern eins auszuwischen.

Das ist, um es vorsichtig auszudrücken, originell. Irgendwie scheint er sich das alles anders vorgestellt zu haben, romantischer offenbar, und seine Enttäuschung über den geschäftlichen Teil der ganzen Angelegenheit schlägt im Laufe der einzelnen Kapitel in Bitterkeit um: „Ich frage sie nicht nach dem Alter, weil sie in einem Alter ist, in dem man das nicht mal mehr eine Hure fragt.“ Oder, noch eine Spur menschenverachtender: „So wie sie aussehen, haben sie in diesem Beruf nichts verloren. Und wenn sie sich einen Fummel anziehen, von dem sie glauben, dass er scharf aussieht, dann muss man ihnen sagen: Nicht bei dir.“

Mein schönstes Pufferlebnis

Schließlich lässt Brussig seinem Verdruss über Frauen im Allgemeinen freien Lauf: „Sie lacht. Sie mag Schmeicheleien. Auch mir gefällts, mit ihr zu flirten. Bleibt mir denn wirklich nur der Puff, wo ich noch mit einer schönen Frau flirten kann, ohne gleich wie ein Verbrecher angeguckt zu werden?“ Oder: „Fazit, als sich der EC-Kartenbeleg aus dem Terminal schiebt: Ich hab 'ne nette Frau kennengelernt, hatte 'nen schönen Abend mit ihr und hätte sie sogar ins Bett  kriegen können. Eintritt und Getränke haben mich 48 Euro gekostet. Das ist nicht viel.“ So viel zur Haltung. Nun könnte man ja wenigstens beim Beruf des Testers auf schöne Texte hoffen - aber nein. Die einzelnen Kapitel sind so brav und uninspiriert geschrieben, als wären sie Schulaufsätze zum Thema: „Mein schönstes Puff-Erlebnis“.

Brussig hatte es übrigens im „Artemis“, einem Bordell, das für die erwartete gesteigerte Nachfrage während der Fußball-WM schön praktisch in Stadionnähe errichtet wurde. Brussig ist begeistert. Die Pornofilme im dortigen Kino hätten eine Handlung (“Als Drehbuchautor will ich so was einfach haben“), die Hygiene sei „sensationell“ (“Dass im ,Artemis' seit der Eröffnung etliche Hektoliter Sperma geflossen sind, merkt man nicht. Das ,Artemis' ist sauber wie ein Ibis-Hotel“); beim Oralverkehr werde „sogar aufs Kondom verzichtet“ - und „Tusch: im ,Artemis' wird hinterher bezahlt!“ Nee, also, kann man echt nichts sagen, oder? Ist schon 'ne tolle Sache, die Prostitution, wenn sie richtig gemacht wird, was, Herr Brussig?

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