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Thomas A. Szlezák: Was Europa den Griechen verdankt : Die Aufklärung über uns selbst beginnt in Athen

  • -Aktualisiert am

Bild: UTB

Ein Manifest gegen das Halbwissen und kulturelle Borniertheiten: Thomas A. Szlezák möchte vor Augen führen, warum Europa ohne das antike griechische Erbe nicht wäre, was es ist.

          Als Friedrich Nietzsche in seinen späten Jahren mit dem Hammer philosophierte, da widmete er das vorletzte Stück seiner „Götzendämmerung“ mit spöttischer Reminiszenz an den bürgerlichen Besinnungsaufsatz dem Thema „Was ich den Alten verdanke“. Die kaum verhohlene Absicht der Trümmerrede war die Zerstörung des kulturellen Zusammenhangs, den die gebildeten Schichten des deutschen Kaiserreichs in routinemäßiger Oberflächenbefühlung immer wieder zwischen sich und den „Alten“ herstellten.

          Nietzsches dionysisches Altertum trat emphatisch und stilbewusst neben die ideologisch krisenfeste Organisation der zeitgenössischen Altertumswissenschaft. Im Vergleich zu dem Ausrufezeichen des einsam hämmernden Philosophen nimmt sich die Darstellung des Tübinger Gräzisten Thomas A. Szlezák wie ein Plädoyer für den unaufgeregten Umgang mit familiengeschichtlichen „Tatsachen“ aus. An die Stelle der tückischen Ergebnisoffenheit der Nietzscheschen Bekenntnisschrift (“Man lernt nicht von den Griechen!“) tritt die Sicherheit, dass „wir“ die „Grundlagen unserer Kultur“ den Griechen verdanken.

          Im Gewand eines Studium generale

          Bei Szlezák tritt die Leitdisziplin der vorletzten Jahrhundertwende, die Klassische Philologie, überraschend noch einmal im Gewand eines Studium generale auf, das uns in der Auseinandersetzung mit der griechischen Antike Aufklärung über uns selbst verspricht.Während allerorten griechisch- und lateinfreie Europa-Studiengänge wie Pilze aus dem Boden schießen, erzählt Szlezák noch einmal die große Geschichte von den griechischen Wurzeln „unserer Kultur“.

          Er ist auf all die möglichen Einreden und Forderungen vorbereitet, die man an den Autor eines solchen Werkes herantragen mag. Folgerichtig ist sein Gestus weniger der des Mahners und Lehrers als der des Apologeten, der im Zweifelsfalle den Freiheits- und Toleranzgedanken gegen kulturelle Borniertheiten verteidigt. Doch ist es gerade die Verteidigung mancher aus der griechischen Antike herzuleitenden Kriterien wie der Fähigkeit zur Distanzierung von den eigenen Denkgewohnheiten, die nach Szlezák die Abgrenzung von all jenen Kulturen gebietet, die niemals eine der europäischen Aufklärung vergleichbare Kulturphase durchlaufen haben.

          Mit klarem Feindbild geschrieben

          So ist Szlezáks Buch ein veritabler Ritt auch an den Grenzlinien dessen, was wir - noch oder nicht mehr - Europa nennen. Das Beharren auf trennscharfen Unterteilungen und Definitionen, diese urgriechische Praxis, ist unpopulär geworden. Szlezák stört sich nicht nur nicht daran, sondern fordert die vermuteten Gegner immer wieder heraus, indem er ihre „ephemere“ Befindlichkeit in den Horizont langfristiger Entwicklungen rückt.

          Der verbreiteten Geringschätzung der in den homerischen Epen zuerst profilierten Muster kultureller Bindung an Heimat, Ehe und Familie begegnet Szlezák mit beißender Schärfe: „Die Odyssee wird noch gelesen werden, wenn die jetzt in Deutschland vorherrschende Mentalität sich wieder einmal einem neuen Zeitgeist hingegeben haben wird.“ Das Feindbild des Autors ist leicht umrissen: Es ist der halbgebildete, ursprungsvergessene, wendige Opportunist und Lautredner, der die öffentlichen Debatten unserer Tage bestimme.

          Zu den Wurzeln vorsokratischem Denkens

          In zwölf Vorlesungsblöcken durchläuft der Verfasser ein Panorama der alteuropäischen und eben zum Teil auch noch modernen Kulturgeschichte. Er zeigt uns die je frühesten Prägungen all der Münzen und Währungen, die zum Teil noch heute in Umlauf sind: Da ist zunächst die Vorbereitung eines europäischen Literaturbegriffs in „Ilias“ und „Odyssee“.

          Neben die formsprachlichen Innovationen treten frühe Konfigurationen sozialer Kommunikationsmodelle: Die Humanisierung des Tragischen in der die „Ilias“ abschließenden Versöhnungsszene wie die in den Lügenerzählungen der „Odyssee“ greifbare Trennung emotional-kognitiver Innen- und Außenwelten sind unleugbar Vorgriffe auf uns vertraute Verhaltensmuster. An der Wende vom siebten zum sechsten Jahrhundert entwickelt die frühgriechische Lyrik Formen der programmatischen Selbstaussage des Subjekts, die ihre „mentalitätsgeschichtlichen Fernwirkungen“ entfalten.

          Die scheinbaren Bizarrerien des vorsokratischen Denkens verraten tiefere Einsicht in grundlegende Formen der Unterscheidung von Einheit und Vielheit, Identität und Differenz, von Energie und schöpferischer Wandlung, von Chaos und strukturierter Ordnung.

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